Literaturnobelpreisträger Solschenizyn tot:
Mit 89 Jahren an Herzversagen gestorben
- Setzte literarische Worte gegen sowjetische Tyrannei
- Hunderte nehmen Abschied vom Regime-Kritiker

Der Tod des russischen Literaturnobelpreisträgers Alexander Solschenizyn hat nicht nur in seiner Heimat große Betroffenheit und tiefe Trauer ausgelöst. Als großen Vordenker für künftige Generationen würdigte ihn die russisch-orthodoxe Kirche, für den ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow werde der frühere Dissident als einer der ersten in die Geschichte eingehen, die "die Brutalität und Unmenschlichkeit des Stalin-Regimes öffentlich und rigoros angeprangert" haben.
Der Leichnam des Literaturnobelpreisträgers wurde am Vormittag in der Akademie der Wissenschaften am Moskauer Lenin-Prospekt aufgebahrt. Bereits vor Öffnung der Türen warteten Hunderte auf Einlass, um dem Schriftsteller die letzte Ehre zu erweisen. Das meldete die Agentur Itar-Tass. Neben dem Sarg stand eine Ehrenwache und eine große Schwarzweißfotografie mit dem Porträt des früheren Regimekritikers. Trauerreden waren nicht vorgesehen. Solschenizyn soll an diesem Mittwoch auf dem Friedhof des Moskauer Donskoi-Klosters beigesetzt werden.
Solschenizyn war ein tief gläubiger orthodoxer Christ. "Man wird sich an Solschenizyn vor allem für seine historische Leistung erinnern, als er die Aufmerksamkeit auf das sowjetische Lagersystem lenkte und eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Kommunismus und Marxismus in Gang setzte, die damals die gesamte westliche Welt ergriff", hieß es vonseiten der für den Literaturnobelpreis zuständigen Schwedischen Akademie.
Die Welt verneigt sich
Russlands Präsident Dmitri Medwedew würdigte Solschenizyn als einen "der größten Denker, Schriftsteller und Humanisten des 20. Jahrhunderts". Ministerpräsident Wladimir Putin sagte, Solschenizyn habe auf seinem "dornigen Lebensweg" ein Beispiel "für echte Hingabe und selbstlosen Dienst für das Volk" gegeben. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte Solschenizyn als "einen unerschrockenen Kämpfer gegen Willkür". Der Verstorbene habe "durch sein Werk entscheidend zur Überwindung des russischen und kommunistischen Totalitarismus beigetragen". Für Österreichs Bundeskanzler Alfred Gusenbauer "verneigt sich die Welt vor einem anerkannten Schriftsteller, großen Dramatiker und wichtigen politischen Mahner".
Solschenizyns Frau Natalja teilte mit, ihr Mann sei so gestorben, wie er gehofft habe zu sterben. "Er wollte im Sommer sterben - und er starb im Sommer", sagte sie laut einer Meldung der russischen Nachrichtenagentur Interfax. "Er wollte zu Hause sterben - und er starb zu Hause. Im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass Alexander Issajewitsch ein schwieriges, aber glückliches Leben hatte."
"Archipel Gulag"
Der Literaturnobelpreisträger und Sowjetdissident war eine der herausragenden Figuren des 20. Jahrhunderts. Wie kein anderer setzte er die Macht des literarischen Wortes gegen die sowjetische Tyrannei. "Ein Wort der Wahrheit überwindet die ganze Welt", fasste der Autor des "Archipel Gulag" seine tief religiös geprägte Überzeugung 1974 in der verspäteten Nobelpreisrede zusammen. In den vergangenen Monaten trat er nicht mehr in der Öffentlichkeit auf, meldete sich gelegentlich in Zeitungsinterviews zu Wort.
Solschenizyns Lebensweg führte ihn von Stalins Straflagern zum Weltruhm als Schriftsteller, in ein 20-jähriges Exil und schließlich zurück in eine veränderte Heimat. Dort wurde es zuletzt einsam um den Prediger eines "Heiligen Russlands". Solschenizyn, der "Geschichte gemacht hat wie vielleicht kein anderer Schriftsteller und Künstler vor ihm" (Gerd Koenen), war zuletzt im Reinen mit der neuen politischen Führung und Entwicklung in Russland.
Sein Lebensweg
Geboren wurde er am 11. Dezember 1918 in Kislowodsk im Nordkaukasus. Solschenizyn studierte Mathematik und Physik und zog als Hauptmann der Roten Armee in den Zweiten Weltkrieg. 1945 brachten Briefe mit abfälligen Bemerkungen über den sowjetischen Diktator Josef Stalin ihn für neun Jahre in die Mühlen von Straflagern und Verbannung. Den Alltag eines Lagerhäftlings schilderte Solschenizyn in seinem Debüt. Die Erzählung "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" machte den Autor 1962 weltbekannt. Es war der Höhepunkt des literarischen "Tauwetters" unter Parteichef Nikita Chruschtschow. Doch die Romane "Im ersten Kreis" und "Krebsstation" konnten nur im Westen erscheinen. 1970 wurde Solschenizyn der Nobelpreis zuerkannt "für die ethische Kraft, mit der er die unveräußerliche Tradition der russischen Literatur weitergeführt hat". Moskau ließ ihn jedoch nicht zur Preisverleihung reisen.
Solschenizyns Hauptwerk ist die 1973 erschienene Trilogie "Archipel Gulag". In diesem literarisch-dokumentarischen Werk setzte er sich mit dem bis dahin geheimen System sowjetischer Gefangenenlager auseinander und machte die stalinistische Herrschaft begreifbar. Seine Schilderungen veränderten auch die Einstellung vieler westlicher Intellektueller zur Sowjetunion grundlegend.
Der "Archipel Gulag" erschütterte die Sowjetunion, im Westen wandten sich viele wohlmeinende Linke von Moskau ab. 1974 verhaftete die sowjetische Führung Solschenizyn und wies ihn aus. Ein "Symbol der Freiheit in der Welt" nannte Heinrich Böll den Freund und nahm ihn in Köln auf. Der Weg des Exils führte über die Schweiz und Norwegen in die USA. Drei Jahre nach dem Ende der Sowjetunion, zu dem er selber so viel beigetragen hat, kehrte der Autor 1994 in die russische Heimat zurück.
(apa/red)
