Olympia ohne Messi, Diego und Rafinha?
Sportsgerichtshof urteilt gegen Abstellung
- Barcelona, Schalke & Werder hatten CAS bemüht
- Abstellung für Olympia nun keine Pflicht, aber möglich

Der Sportgerichtshof CAS hat in Zürich entschieden, dass keine Abstellungspflicht von Unter-23-jährigen Fußballern für die Olympischen Spiele in Peking besteht. Im Vorfeld hatten sich die spanischen bzw. deutschen Profi-Clubs FC Barcelona, Schalke 04 und Werder Bremen gegen die Abstellung ihrer Stars Lionel Messi (Argentinien) sowie Rafinha und Diego (beide Brasilien) gewehrt, der Weltverband FIFA diese aber als verpflichtend angesehen. Als Letztinstanz hatten sich die Vereine an den CAS gewandt.
In einer Aussendung gab der Sportgerichtshof bekannt: "Das olympische Fußballturnier ist nicht im koordinierten Spiele-Kalender inkludiert. Dementsprechend schlussfolgert das Gremium, dass der FC Schalke 04, der SV Werder Bremen und der FC Barcelona keine rechtliche Verpflichtung dazu haben, die Spieler Rafinha, Diego und Messi für das olympische Fußballturnier freizugeben." Diese Entscheidung beeinflusse aber nicht den Status jener Spieler, die auf gültigem Wege durch ihr Nationales Olympisches Komitee für die Spiele genannt worden waren. Diese blieben "zur Gänze teilnahmeberechtigt".
Somit könnten die drei Profi-Vereine ihre Aktiven wieder aus Peking zurückbeordern. FIFA-Präsident Joseph Blatter hatte in jedem Fall angekündigt, den CAS-Schiedsspruch zu respektieren. Vor der Entscheidung hatten Werder und Schalke zudem angedeutet, selbst im Falle einer für sie positiven Entscheidung Diego und Rafinha nicht sofort zurückbeordern zu wollen.
"Der Ball liegt nun bei den Clubs"
CAS-Generalsekretär Matthieu Reeb hielt fest: "Der Ball liegt nun bei den Clubs. Die Spieler sind ihre Angestellten - die Vereine müssen nun selber wissen, ob sie auf ihrer Rückkehr bestehen." Die Aktiven würden spielen wollen, aber es sei eine wichtige Prinzip-Frage für die Clubs. "Wenn sie auf der Rückkehr bestehen und die Spieler nicht zurückkommen, wird das zu einem Motiv für einen Vertragsbruch."
Blatter überrascht und enttäuscht
Bei der FIFA selbst zeigte man sich enttäuscht von der Entscheidung. Präsident Blatter meinte in einer Aussendung: "Die FIFA ist überrascht und enttäuscht, aber wir respektieren diese Entscheidung. Nichtsdestotrotz appelliere ich an die Clubs: Lassen Sie die Spieler an den Olympischen Spielen teilnehmen! Es wäre ein Akt der Solidarität in perfekter Harmonie mit dem olympischen Geist." Es würde wundervoll für die Athleten, die Fans und das Spiel selbst sein.
Die Meinung der FIFA habe sich nicht geändert. "Das olympische Turnier ist für junge Spieler eine einmalige Chance, auf hohem Niveau internationale Erfahrungen für die Zukunft zu sammeln. Davon könnten nicht nur die Spieler und die Nationalteams profitieren, sondern auch ihre Clubs. Ich bedauere, dass der CAS den olympischen Geist nicht bei der Entscheidung mitberücksichtigt hat", hielt Blatter fest.
Messi werde dennoch an Olympia teilnehmen
Mit Sergio Batista ließ ein Starspieler des argentinischen Olympia-Teams schon kurz nach dem CAS-Urteil verlautbaren, dass Messi dennoch in China bleiben werde: "Er will das ganze olympische Turnier spielen. Das hat er mir fest zugesagt."
Mit Hertha BSC Berlin oder 1899 Hoffenheim, wo die Österreicher Ramazan Özcan und Andreas Ibertsberger engagiert sind, hatten zwei weitere deutsche Bundesliga-Clubs wegen des psychologischen Drucks ihre Profis Gojko Kacar (Serbien) und Chinedu Obasi (Nigeria) abgestellt. Auch sie könnten die Spieler vor dem Bundesliga-Start am 15./16. August nun theoretisch aber zurückholen.
Rückholaktion unrealistisch
Das ist jedoch ebenso wenig zu erwarten wie eine Rückholaktion von Bremen und Schalke. Die endgültige Entscheidung, ob diese beiden Vereine ihre Profis Diego bzw.
Obasi freute sich über seine Teilnahme in Peking: "Ich finde es großartig, dass mir der Verein die Möglichkeit gibt, an Olympia teilzunehmen und sich die sehr komplizierte Situation damit entspannt."
Zukunft des olympischen Fußball-Turniers ungewiss
In letzter Konsequenz stellt die Entscheidung die Zukunft des olympischen Fußball-Turniers der Männer in der jetzigen Form komplett infrage. Profis über 23 Jahre (z.B. Ronaldinho) unterlagen schon bisher keiner Abstellungspflicht, die Clubs konnten sie allerdings freiwillig zu den Olympischen Spielen ziehen lassen.
Die Regelung mit den Spielern unter 23 Jahren war ein wachsweicher Kompromiss zwischen der FIFA und dem IOC gewesen, denn der mächtige Fußball-Verband wollte seinen eigenen Turnieren (WM und U20-WM) mit einer völligen Öffnung keine Konkurrenz machen.
Die beiden Organisationen sind nun aufgefordert, mit einer Reform des Reglements künftig für Klarheit und Rechtssicherheit zu sorgen. Klar ist: In der bisherigen Form wird das Olympia-Turnier künftig keinen Bestand mehr haben, weil die Vereine keine Streitigkeiten und Sanktionen mehr fürchten müssen, wenn sie die von ihnen bezahlten Profis nicht abstellen. Den "Schwarzen Peter" haben vorerst die Spieler, die auf das "Goodwill" ihrer Clubs angewiesen wären.
Reaktionen auf das Urteil
Laut Hertha-Manager Dieter Hoeneß, dessen Verein den Serben Kacar abstellt, sollen die Verbände vor dem ersten Spiel bestimmte Bedingungen erfüllen: Sie müssen das Gehalt des Spielers für den Zeitraum der Abstellung übernehmen, eine Abstellungsgebühr zahlen und eine Versicherung abschließen. Die betroffenen Clubs wollten eine gemeinsame Linie verabreden und sich am Nachmittag offiziell äußern.
Hoeneß: Verhalten der FIFA "ist ein Unding"
"Wie sich die FIFA verhalten hat, ist ein Unding", schimpfte Hoeneß. Auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) fühlt sich in ihrer Ansicht bestätigt. DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus sagte: "Diese Entscheidung haben wir erwartet. Die FIFA hat es leichtfertig verpasst, frühzeitig die geltende Rechtslage anzuerkennen."
Insgesamt neun Spieler sind aus der deutschen Bundesliga im Olympischen Fußball-Turnier vertreten: Neben Diego, Rafinha, Kacar und Obasi auch noch der Brasilianer Breno, der Argentinier José Ernesto Sosa (beide Bayern München), der Serbe Dusko Tosic vom Prödl-und Harnik-Club Werder Bremen sowie die beiden Belgier Vincent Kompany und Vadis Odjidja-Ofoe vom Hamburger SV.
Brasiliens Verband erklärte, dass Diego und Rafinha beim Team bleiben. "Wir haben keine offizielle Mitteilung bekommen. Die Spieler bleiben Teil des Teams und werden gegen Belgien (am Donnerstagvormittag, Anm.) spielen", betonte Verbandssprecher Rodrigo Paiva.
(apa/red)