Vielvölkerstaat China als Unruhegebiet:
Peking reagiert darauf mit harter Hand
- Gibt 56 anerkannte nationale Minderheiten in China
- Seit 1949 fünf autonome Regionen auf Provinzebene
Im Vielvölkerstaat China gehört die Region Xinjiang im äußersten Westen mit ihrer muslimischen Mehrheitsbevölkerung ebenso wie Tibet zu den Unruhegebieten. Nach dem Ausbruch der tibetischen Proteste im vergangenen März kam es auch in Xinjiang zu kleineren Aufständen. Wie die Tibeter beklagen auch die Uiguren politische, religiöse und kulturelle Unterdrückung. Die Entladung antichinesischer Ressentiments in den Randgebieten war immer dann besonders explosiv, wenn sich das Bestreben nach Selbstbestimmung mit religiösen Aspirationen verband.
In China leben 56 anerkannte nationale Minderheiten, die laut amtlichen Angaben zusammen 8,4 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. 91,6 Prozent sind Han-Chinesen (Volkszählung 2005). Bei der in den frühen 1950er-Jahren vorgenommenen Klassifizierung der zu zwölf Sprachfamilien gehörenden "Nationalitäten" (shaoshu minzu) orientierte man sich an den in der Sowjetunion unter Stalin entwickelten Kriterien. Von den zahlenmäßig größten Minoritäten mit stark religiös geprägter Identität sind die Mongolen, die Tibeter und das muslimische Turkvolk der Uiguren historisch und kulturell eigenständige Nationen. Die Minoritätengebiete zählen zu den ärmsten, obwohl Uiguren, Tibeter oder Mongolen riesige Gebiete mit reichen Bodenschätzen bewohnen.
Fünf autonome Regionen
Nach der kommunistischen Machtübernahme 1949 wurden in den nordwestlichen und südwestlichen Randgebieten fünf sogenannte Autonome Regionen auf Provinzebene geschaffen: die Innere Mongolei, Xinjiang (Sinkiang) für die uigurische Nationalität Ostturkestans, Guangxi für die weitgehend assimilierte Zhuang-Nationalität, Ningxia für die muslimische Hui-Nationalität und Tibet (Xizang). Die geltende Verfassung von 1982 definiert China als "multinationalen Einheitsstaat", die autonomen Regionen sind "untrennbare und unveräußerliche" Teile der Volksrepublik. Auf dem Papier räumt das 1984 erlassene Gesetz über die regionale Autonomie den nationalen Minderheiten substanzielle Freiheiten ein. Doch wegen des Fehlens eines unabhängigen Rechtssystems hängt die Durchsetzbarkeit der Autonomiebefugnisse gänzlich von der Parteilinie ab, die auf Nivellierung ethnischer Unterschiede abzielt. So haben die regionalen Selbstverwaltungsorgane keinerlei Einflussmöglichkeit auf die Massenansiedlung von Han-Chinesen. Die Pekinger Zentrale misstraut nichtchinesischen Kadern, die regionalen Parteichefs sind ausnahmslos Han-Chinesen.
Han-Chinesen wie "Herrenmenschen"
Die Minoritäten werfen den Han-Chinesen vor, sich wie "Herrenmenschen" aufzuführen. Umgekehrt betrachten viele Chinesen die Minderheitenvölker als rückständig, unzivilisiert und nur folkloristisch interessant. Insbesondere die Völker im Westen beklagen den Zustrom chinesischer Einwanderer, die Umweltzerstörung durch die Wirtschaftsentwicklung und Benachteiligungen im Bildungssystem.
Konfuzianische Staatsdoktrin
Das alte kaiserliche China verstand sich als kultureller Mittelpunkt der Welt, die Herrscher anderer Völker galten als tributpflichtige Vasallen. Ein Ziel der konfuzianischen Staatsdoktrin war die gewaltfreie Assimilierung der nichtchinesischen Völker nach dem Verwandtschaftsprinzip: Von den "Kindern" werden Respekt und Loyalität gegenüber dem "erziehenden" Vater und der Gesamtfamilie erwartet. Ihr historisch-materialistisches Weltbild stellte für die chinesischen Kommunisten kein Hindernis dar, an die traditionellen Vorstellungen anzuknüpfen. Mit der marxistischen Einstufung der Gesellschaften (Ur-, Sklavenhalter-, feudalistische, kapitalistische und sozialistische Gesellschaft) beanspruchten auch sie die patriarchalische Aufgabe, die nichtchinesischen Randvölker zu zivilisieren und zu sinisieren. Der kommunistische Staat legte fest, was für die nationalen Minderheiten nützlich, "gesund" und fortschrittlich ist, und was nicht.
Ethnische Renaissance
Nach den extremen Formen von Unterdrückung und Zwangsassimilierung in der Zeit der "Kulturrevolution" (1966-76) hat die Reformpolitik der vergangenen Jahrzehnte eine ethnische Renaissance bewirkt. Gleichzeitig vertiefte sich die Kluft zwischen armen und wohlhabenden Landesteilen, das Entwicklungsgefälle nahm zu. Die Taktiken der Pekinger Minderheitenpolitik reichen von einem geduldig werbenden Beschwichtigungskurs bis zu Zwangsmaßnahmen, Unterdrückung und brutaler Niederschlagung von Freiheitsbestrebungen. In Xinjiang ist es seit 1990 immer wieder zu blutigen Unruhen gekommen. Neben den Uiguren leben auch Kasachen, Kirgisen und Tadschiken unter chinesischer Herrschaft. Der Umstand, dass ihre Landsleute in den früheren Sowjetrepubliken Zentralasiens selbstständig geworden sind, hatte die Unruhe in Xinjiang weiter verschärft. Die KP-Medien prangerten den "Missbrauch der Religion für die Propagierung von Panislamismus und Panturkismus" an und ließen durchklingen, dass örtliche Kader gegen diese Ideen nicht immun wären.
Peking hatte 1996 Sondertruppen nach Xinjiang verlegt und eine groß angelegte Anti-Separatismus-Kampagne in Gang gesetzt. Auch in der zentralchinesischen Provinz Henan kam es zwischen Angehörigen der muslimischen Hui-Minderheit und Han-Chinesen zu schweren Zusammenstößen. Experten sehen insgesamt eine Zunahme ethnischer Konflikte in China, die zuweilen auch ökonomische Gründe haben. So richteten sich die Gewaltausbrüche der buddhistischen Tibeter Mitte März nicht nur gegen die Han-Chinesen, die die Wirtschaft in Lhasa in der Hand haben, sondern auch gegen muslimische Hui, die den Fleischhandel kontrollieren.
(apa/red)











