Mittwoch, 30. Juli 2008

Lanzinger und Maier im NEWS Doppel-Talk

  • 'Manchmal träume ich, wieder laufen zu können'

Der Talk. Hermann Maier und Matthias Lanzinger: NEWS brachte die ,Schicksalsbrüder‘ zum Gespräch.

Auf den ersten Blick ist Matthias Lanzinger ein junger Mann, sportlich, durchtrainiert, wie ÖSV-Läufer halt so sind. „Iglo“- und „Krone“-Logo
am T-Shirt, die Schirmkappe mit dem „Gaulhofer“-Emblem bleibt beim Fototermin oben, auch wenn es an diesem Nachmittag am Mondsee satte 32 Grad hat. Logisch, die Spon­soren. Nur am Gang des 27-Jäh­rigen mag man ermessen, welches Schicksal er mit sich trägt: Prothese am linken Bein, als Folge des schrecklichen Sturzes beim Rennen von Kvitfjell am 2. März dieses Jahres. Lanzingers Grobmotorik läuft eine Spur unrund, vielleicht auch nur für jemanden zu erkennen, der sein Drama kennt.

Zwei Männer, zwei Kämpfer. Auf den ersten Blick ist Hermann Maier das, was er ist. Mitten im Training für die neue Saison, voll im Saft, wie man sagt, ein Händedruck aus Stahl. Das unvermeidliche „Raiffeisen“-Logo am Kapperl, „Iglo“- und „Krone“-Schriftzug am „Head“-T-Shirt. Mehr an Werbepflas­terungen geht nicht. Nur am linken Oberarm des 35-Jährigen mag man ermessen, was mit seinem rechten Bein als Folge des schrecklichen Sturzes beim Motorradfahren am 24. August 2001 passiert ist. Eine rund 15 Zentimeter lange Narbe am Bizeps zeugt von jener Muskel- und Hautverpflanzung, die die Mediziner vornehmen mussten, um Maiers brutal gebrochene Extremität mit Gewebe zu versorgen.

Sie sind gut acht Jahre voneinander entfernt, aber im Schicksal fast gleichauf: Matthias Lanzinger, der Salzburger, der sich über die Jahre an die Weltspitze der Speed-Läufer gekämpft hatte und sein berufliches Risiko mit dem Verlust des linken Unterschenkels bezahlt hat: Mitten durchs Richtungstor, Sturz, offener Drehbruch, gnadenhalber Bewusstlosigkeit, Hubschrauberodyssee über mehr als vier Stun­den bis auf den OP-Tisch des Spitals von Ullevål in Finnland. Aus. Ende. Tilt.

Der Fuß musste amputiert werden, zu lange waren Blut­gefäße und Gewebe unterversorgt. Die Anwälte werden zu reden haben, wer Schuld trägt und was das kostet. Lanzinger selber redet kaum. Oder nur so viel: „Jeder von uns ist auf schnelle Rettung angewiesen. Schon im nächsten Rennen kann’s den Hermann herschmeißen.“

Vorbild Lanzinger. Der Hermann, zwar von Natur aus ein Alphatier, sitzt schweigend daneben und nickt. Wenn Schicksal einen Sinn machen sollte im Leben, dann diesfalls jenen, „dass sich jeder ein riesiges positives Beispiel an dem Lanzi nehmen kann“. So viele Leute gäbe es, die bei uns wegen irgendwelcher Kleinigkeiten jammern, brummelt Maier. Wem, wenn nicht ihm soll man glauben, was mentale Stärke bewegen kann. Im Speziellen einen 95-Kilo-Brocken zum Sieg im Super-G von Kitzbühel im Jänner 2003, mit einem Nagel im rechten Schienbeinknochen, eineinhalb Jahre nach seinem Unfall, der ihn am Papier zum Invaliden gemacht hatte.

Nicht zurückschauen. Fragen nach dem Warum und Weshalb tropfen bei beiden Kämpfern ab wie von Teflon. „Wer zurückschaut, kann nicht nach vorne gehen“, sagt Maier, und Lanzinger assistiert: „Normalerweise fällt man nach so einem Unfall psychisch in ein Loch. Mir ist das noch nicht passiert.“ Lediglich für die Zeit der ersten Rennen zu Winterbeginn sieht Lanzinger härtere Zeiten für seine Psyche heran­dräuen. Das Gegenteil von „schlecht drauf“ sind diese beiden Herren, und dass sich mittlerweile ihre beiden Freundinnen Eva (Lanzinger) und Steffi (Maier) auch gut verstehen, liegt nur in der Natur der Protagonisten.

NEWS: Matthias, wie bist du hierher gekommen?
Matthias Lanzinger: Mit meinem Audi. Der hat ein Automatik­getriebe. Aber ich könnte auch schon problemlos mit einem ganz normalen Kupplungs­getriebe fahren. Und meine KTM ist mittlerweile auf Handschaltung umgebaut.

NEWS: Ihr beide hattet ein ähnliches Schicksal mit verschiedenem Ausgang. Habt ihr durch eure Unfälle eine engere Be­ziehung zueinander als andere ÖSV-Läufer?
Hermann Maier: Er war zwar nicht in meiner Trainingsgrup­pe, aber wir hatten trotzdem schon immer eine gute Beziehung. Wie der Lanzi damals ­gestürzt ist, hab ich sofort gewusst, da ist was Schlimmeres passiert. Ich war schon auf dem Weg zum Lift, bin aber zurück und zum Hubschrauber hin. Ich als Teamältester habe da ja auch eine eigene Funktion. Es war keine leichte Entscheidung, aber rückblickend ab­solut richtig. Und dann habe ich den Fuß gesehen …

NEWS: Matthias, hast du das zu dem Zeitpunkt irgendwie mit­bekommen?
Lanzinger: Gott sei Dank nicht. Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich super unterwegs war bis zu diesem Tor. Vom Sturz an ist alles weg, erst im Hubschrauber kam ich wieder kurz zu mir. In den Tagen und Wochen nach dem Unfall hat mich das ganze Team toll unterstützt. Und ganz besonders hat mich gefreut, wie der Hermann sich im „Sport am Sonntag“ kein Blatt vor den Mund genommen hat, und die Probleme der Sicherheit im Ski­sport ganz klar angesprochen hat.

NEWS: Apropos: Wie steht es mit der Schadenersatzklage gegen den Veranstalter?
Lanzinger: Keine Ahnung, damit beschäftigt sich mein Anwalt. Ich muss nach vorne schauen und nicht zurück.

NEWS: Außerdem kann ja wohl keine Summe der Welt das verlorene Bein ersetzen.
Lanzinger: Das natürlich nicht. Aber mein Fall könnte verhindern helfen, dass sich gewisse Dinge wiederholen. ­Jeder von uns ist auf schnelle Rettung angewiesen. Schon im nächsten Rennen kann’s ja den Hermann schmeißen oder irgendeinen anderen.

NEWS: Seid ihr durch eure Schicksale auch abseits des Ski­sports Freunde geworden?
Maier: Das hat mit unseren Schicksalen eigentlich gar nichts zu tun. Wir stehen uns schon länger relativ nahe. Auch deswegen, weil wir ein paar ­gemeinsame Interessen haben.
Lanzinger: Das Motorradfahren zum Beispiel. Außerdem sind unsere Lebenspartnerinnen seit längerem befreundet.

NEWS: Eine Frage an beide: Wenn man so eine Tragödie erlebt, egal mit welchem Ausgang, denkt man da an so etwas wie Vorsehung?
Lanzinger: Also ich bis jetzt zum Glück nicht. Ich hadere da nicht mit dem Schicksal. Was ich mir nur denke, ist, dass mein ganzer Unfall für irgend­etwas gut gewesen sein muss.

NEWS: Wofür aber, fragt man sich?
Lanzinger: Ja, das fragt man sich. Der Toni Giger (Cheftrainer der ÖSV- Herren; Anm. d. Red.) hat mich getröstet, wie ich mun­ter geworden bin und gesagt: „Schau, der gesam-te ÖSV, alle Leute und auch deine Freundin stehen hin­ter dir.“ Ich glau­be, man darf sich über die Frage des Schicksals nicht allzu viele Gedanken machen.
Maier: Man muss einfach nach vorne schauen. Wir bewegen uns in einem Grenzbereich, und kritische Situationen hat man in diesem Sport öfters. Rückblicke kann man sich da fast nicht erlauben. Und man muss sich Ziele setzen. Nach meinem Motorradunfall hab ich mir meinen Fuß angeschaut, der da wegg’hängt ist, und mir nur gedacht: „Ich möchte eines Tages wieder gehen können.“ In den Tagen darauf haben dann aber die Nieren ausgelassen und hat sich ein Leberversagen ange­kündigt, da ging’s plötzlich nur noch darum, die Körperfunktionen wiederherzustellen. Die Frage nach dem Warum stellt sich da gar nicht.

Das ganze Interview finden Sie im aktuellen NEWS-Magazin

30.7.2008 16:02