Lufthansa-Streik mit dramatischen Folgen:
10 Prozent aller Europa-Flüge gestrichen
- Fluglinie will mit Sonderplan Schlimmstes verhindern
- Gewerkschaft ver.di fordert 9,8 Prozent mehr Geld

Der unbefristete Streik bei der Deutschen Lufthansa zeigt zunehmend Wirkung. Am dritten Streiktag der Gewerkschaft ver.di kündigte Lufthansa einen Sonderflugplan mit zehn Prozent weniger Flügen im Europaverkehr einschließlich Deutschland an. Am Mittwoch fielen bereits 82 Flüge aus, erstmals wurden auch zwölf Verbindungen auf der Langstrecke gestrichen. Heute sollen 136 Flüge gecancelt werden, darunter 100 Kontinental- und 36 Interkontinental-Flüge. Das sind sieben Prozent der insgesamt knapp 2.000 täglichen Flüge von Lufthansa, teilte ein Sprecher des Unternehmens auf Anfrage der APA mit.
Für die Interkontinentalstrecken soll ebenfalls in Kürze ein Sonderplan vorgelegt werden. Bei der Vorlage der Halbjahresbilanz verkündete Lufthansa außerdem neue Sparmaßnahmen und verhängte für das Passagiergeschäft einen Einstellungsstopp. Der Sonderflugplan für die kommenden fünf Tage diene dazu, den Passagieren Planungssicherheit zu geben. Zuvor waren durch die Streiks rund vier Prozent aller Lufthansa-Flüge gestrichen worden.
Durch den Streik konnten sechs Maschinen nach Amerika, Indien und Dubai nicht abheben, auch die Rückflüge mussten gestrichen werden. Zudem wurden wie am Vortag rund 70 Kurzstreckenflüge aus dem Flugplan genommen, wie das Unternehmen mitteilte. Lufthansa versuchte, die betroffenen Passagiere auf andere Maschinen oder die Bahn umzubuchen.
Finanzielle Ausfälle im Frachtbereich
Finanziell getroffen wird Lufthansa laut ver.di auch durch Streiks im Frachtbereich. Der Umschlag bei Lufthansa Cargo am Drehkreuz in Frankfurt sei "völlig zum Erliegen gekommen", sagte ver.di-Sprecher Harald Reutter. Auch die Werft in Hamburg sei "komplett dicht". Ein Unternehmenssprecher der Werft räumte zwar Produktionsbehinderungen ein. In den Hallen werde aber weiter gearbeitet. "Wir können von Hamburg aus noch alle Kunden bedienen", hieß es. Auch Lufthansa Cargo wies die Darstellung zurück: Die Frachtflugzeuge seien planmäßig im Einsatz, auch der Umschlag funktioniere. Man habe auch externe Firmen und Mitarbeiter aus dem Ausland im Einsatz.
"Es wird sich jetzt von Tag zu Tag die Lage verschärfen", sagte Reutter. Wie an den beiden Vortagen hätten sich erneut rund 5.000 Mitarbeiter an dem Streik beteiligt. Bei einer Kundgebung vor der Lufthansa-Zentrale in Frankfurt erklärte ver.di-Verhandlungsführer Erhard Ott, eine Rückkehr an den Verhandlungstisch könne es nur bei einem verbesserten Angebot geben.
Streik wird fortgesetzt
Nach Angaben von ver.di soll der Streik am Donnerstag fortgesetzt werden. Besondere weitere Aktionen seien nicht notwendig, weil die Auswirkungen des Streiks sich automatisch steigerten, hieß es in Frankfurt. Für Berlin kündigte ver.di dagegen eine Ausweitung des Arbeitskampfes an. Dort ist auch eine Kundgebung geplant. Die Gewerkschaft bestreikt unter anderem die Wartung von Flugzeugen, so dass die Lufthansa Maschinen außer Betrieb stellen musste.
Die Gewerkschaft verlangt für rund 50.000 Lufthansa-Beschäftigte am Boden und in der Kabine 9,8 Prozent mehr Geld. Lufthansa hatte zuletzt gestaffelt 6,7 Prozent bei 21 Monaten Laufzeit und eine Einmalzahlung angeboten. ver.di will auch für die Mitarbeiter in der Kabine verhandeln, hat dort aber deutlich weniger Mitglieder als die konkurrierende Unabhängige Flugbegleiter Organisation UFO.
Lufthansa-Finanzchef Stephan Gemkow verteidigte das Angebot an ver.di. "Wir sind ganz klar an der Schmerzgrenze." Frühere Rekordgewinne seien angesichts weiter gestiegener Ölpreise und der Abschwächung der Wirtschaftslage kein Argument. Allerdings hält das Unternehmen am Ziel fest, beim operativen Gewinn auf Konzernebene an den Rekordwert von fast 1,4 Milliarden Euro aus dem Vorjahr anzuknüpfen.
Bereits vor einem Monat hatte Lufthansa einen Einstellungsstopp für die Verwaltung erlassen, nun trifft es auch das Kerngeschäft. Im ersten Halbjahr hatte Lufthansa noch 2800 neue Stellen in Deutschland geschaffen. Nicht betroffen vom Einstellungsstopp seien Fachkräfte etwa bei der Technik, die dringend gesucht würden, sagte ein Sprecher. Auch für Piloten gelte der Stopp nicht. Mit einem Maßnahmenpaket sollen bei der Passagierbeförderung insgesamt rund 250 Millionen Euro eingespart werden. Dazu zählen auch mögliche Kapazitätsreduzierungen im kommenden Winterflugplan oder eine Erhöhung der Treibstoffzuschläge.
Die Lufthansa hatte bereits am Dienstagabend Eckdaten zum ersten Halbjahr veröffentlicht. Der operative Gewinn kletterte unter anderem wegen der erstmaligen Einbeziehung der Swiss um rund 45 Prozent auf 705 Millionen Euro. Der Umsatz legte um fast 20 Prozent auf 12,1 Milliarden Euro zu. Unter dem Strich sank das Ergebnis um mehr als die Hälfte auf 402 Millionen Euro, was auf Sondereffekte aus dem Vorjahr zurückzuführen ist.
(apa/red)

