Mittwoch, 30. Juli 2008

Gesundheitsdebatte macht uns krank: Bei Österreichern macht sich Pessimismus breit

  • Mehrheit befürchtet künftig schlechtere Behandlung
  • Zwei-Klassen-Medizin laut Umfrage bereits Realität

Die Gesundheitsdebatte hat bei den Österreichern Spuren hinterlassen. Für die Zukunft hegen sie eher düstere Erwartungen. Mehrheitlich befürchten die Österreicher, künftig nicht mehr die beste medizinische Behandlung zu bekommen und zusätzlich auch noch mehr zahlen zu müssen. Eine Sanierung der maroden Krankenkassen aus öffentlichen Mitteln lehnt aber die Mehrheit der Österreicher ab. Das geht aus einer Umfrage des Instituts OEKONSULT mit dem Titel "Fokus Gesundheitswesen 2010" hervor.

Dass sie in absehbarer Zukunft aus Kostengründen nicht mehr die bestmögliche medizinische Behandlung bekommen werden, befürchten 54,8 Prozent der Befragten. 16 Prozent davon haben daran sogar nicht den geringsten Zweifel. 45 Prozent haben diese Angst nicht. Die Österreicher befürchten aber nicht nur schlechtere Leistungen, sondern auch höhere persönliche Kosten. 61,3 Prozent stimmen der Prognose zu, dass man früher oder später ohne höhere Selbstbehalte oder höhere Krankenkassenbeiträge nicht das Auslangen finden werde. 16,7 Prozent von ihnen haben daran keinen Zweifel. Auf der anderen Seite glauben 38,3 Prozent nicht an höhere Selbstbehalte oder Krankenkassenbeiträge.

Zwei-Klassen-Medizin
Aber nicht nur die Zukunft, sondern auch schon die Gegenwart sehen die Österreicher gar nicht rosig. Nicht weniger als 89,2 Prozent stimmen der Behauptung zu, dass die Zwei-Klassen-Medizin bereits Realität ist, nur 10,8 Prozent glauben das nicht. Auf der sechsstufigen Skala von "trifft voll und ganz" bis "trifft gar nicht zu", meinten 37 Prozent absolut, dass Besserverdienende eine bessere medizinische Versorgung genießen, für nur 1,1 Prozent trifft das gar nicht zu.

Die Finanznöte der Kassen sind den Österreichern durchaus plausibel. 75,8 Prozent halten die ständigen Hiobsbotschaften, wonach das Gesundheitswesen künftig nicht mehr finanzierbar sei, nicht für übertrieben. 57,2 Prozent glauben die Medienberichte, dass einige Kassen unmittelbar vor der Insolvenz stehen, nur für 42,3 Prozent trifft das nicht zu. Eine öffentliche Finanzspritze als Ausweg lehnen die Österreicher jedoch ab, 60 Prozent wollen nicht, dass die öffentliche Hand den Kassen aus ihren finanziellen Engpässen hilft, 19,5 Prozent von ihnen sind sogar mit aller Entschiedenheit dagegen. Auf der anderen Seite sind nur 39,7 Prozent für öffentliche Unterstützung.

Scheitern der Reform wühlt auf
Dass die scheidende rot-schwarze Koalition keine Gesundheitsreform zustande gebracht hat, bedauern 61,7 Prozent. Noch vor den Wahlen fordern nicht weniger als 85,5 Prozent von den Parteien, konkret und verbindlich darzulegen, für welche Reformvorhaben im Gesundheitswesen sie stehen, für 34,9 Prozent davon trifft diese Forderung voll und ganz zu. Nur 2,3 Prozent wollen den wahlwerbenden Parteien keinerlei Statement dazu abverlangen. An Einfluss gewinnen sollten bei einem neuen Anlauf zu einer Gesundheitsreform vor allem "unabhängige Sozialexperten" (15 Prozent), erst dahinter folgen der künftige Gesundheitsminister (11,1) und die Ärztekammer (10,7 Prozent).

Am ehesten Einsparungspotenzial sehen die Österreicher (18 Prozent) in der Verwaltung der Kassen. Dass den Ärzten bei den Kostensteigerungen im Gesundheitswesen eine Schlüsselrolle zukommt, bejahen 57 Prozent der Befragten. 55 Prozent meinen aber, dass die Ärzte neben der bestmöglichen Behandlung immer auch die verursachten Kosten im Auge haben, wenn sie Medikamente oder eine Therapie verordnen. Die stark steigenden Medikamentenkosten führen die Österreicher vor allem auf unwirksame Kontrollmechanismen (20 Prozent) und den Marketingdruck der Pharmaindustrie (19) zurück. Ein Umlenken wesentlicher Geldmittel hin zur Gesundheitsvorsorge befürworten 87 Prozent. Nicht weniger als 91,1 Prozent wissen nicht genau, welche Kosten sie dem Gesundheitswesen verursacht haben, 53,8 Prozent haben davon nicht die geringste Ahnung. 70 Prozent glauben, dass es zu einem sorgsameren Umgang mit dem wertvollen Gut "Gesundheit" käme, wenn die Menschen die tatsächlichen Kosten wüssten.

Ärzte fühlen sich bestätigt
Die Ärzte fühlen sich durch die OEKONSULT-Umfrage in ihrer skeptischen Haltung zum Sparkurs im Gesundheitswesen bestätigt. Ärztekammer-Präsident Walter Dorner bezeichnete es als "richtig und wichtig", dass die Ärzteschaft gegen die ursprünglich geplante Gesundheitsreform und "für die Sicherung des solidarischen Gesundheitswesens gekämpft" habe. "Wir haben die Stimmung in der Bevölkerung aufgegriffen und werden das auch weiterhin tun, wenn eine reine Sparreform die gute Versorgung bedroht", sagte Dorner in einer Aussendung.

Interessant findet Dorner die Umfrageergebnisse vor allem für jene, die für eine "Durch-Ökonomisierung" des Gesundheitswesens eintreten. Der Ärztekammer-Präsident forderte die Politiker auf, die Bedenken und Sorgen der Bürger ernst zu nehmen und verwies darauf, dass sich 86 Prozent der Bürger eine Offenlegung der Reformpläne der Parteien für das Gesundheitswesen noch vor den Wahlen wünschen. "Gerade bei einem so sensiblen Thema wollen die Menschen Wahrheit und Klarheit, und auch wir Ärzte brauchen eine Perspektive jenseits reiner Zerschlagungsszenarien", appellierte Dorner.

(apa/red)

30.7.2008 13:52