Mittwoch, 23. Juli 2008

Das Trampolin zur absoluten Weltspitze

  • Salzburgs 'Tamino' Michael Schade

Salzburgs Tamino leitet das wegweisende ,Young Singers Project‘ der Festspiele: 11 junge Spitzensänger nützen die Chance.

Der Flug Moskau – Salzburg wäre für die junge russische Sopranis­tin Ekaterina Sadovnikova finanziell nicht zu bewältigen gewesen. Also löste sie eine Fahrkarte für die Eisenbahn und bereitete sich auf 39 Stunden Anreise via Warschau, Katowice, Brünn und Wien-West vor. „Ich habe ihr natürlich ein Flugticket besorgt“, sagt Michael Schade, 43. Der unschlagbare Mozart-Tenor der Jetztzeit hätte am Ende der Opern- und Konzertsaison ein paar Wochen Erholung gut gebrauchen können. Die Proben zur Salzburger „Zauberflöte“-Wiederaufnahme unter Muti beginnen erst, und viele prominente Kollegen entscheiden sich zum Kummer der Festspielführung für einen ruhigen Sommer und gegen den Salzburger Auftrieb der Eitelkeiten.

Schade hingegen studiert seit gut drei Wochen vor Ort die Feinheiten der internationalen Opernbürokratie: „Ich sitze den ganzen Tag im Büro, spreche mit Sponsoren, mache Verträge und kümmere mich um Ausländersteuern. Ich habe erreicht, dass Unitel eine Fernsehdokumentation herstellt, und studiere gerade das Urheberrecht. Ich bekomme täglich mehr Respekt vor Hochschulprofessoren und Managern.“ Im Augenblick ist er beides in Personalunion: Er leitet mit der renommierten Mozart-Sopranistin Barbara Bonney das „Young Singers Project“ der Salzburger Festspiele und erfüllt sich damit einen Traum, der ihn seit Jahren begleitete und der nun, dank finanzieller Ausstattung durch Montblanc, mehrere Sommer lang Wirklichkeit werden soll.

Elf junge Sänger aus allen Kontinenten mit Ausnahme Australiens werden hier bis zum Ende der Festspiele von den Besten ausgebildet. Jeder studiert drei Rollen aus den aktuellen Festspielproduktionen, um allenfalls als Cover einspringen zu können. Die sechs öffentlichen Meisterklassen werden von den Größten der Großen geleitet. Bertrand de Billy, der den neuen „Don Giovanni“ dirigiert, nahm sich einen ganzen Tag, um das Werk mit den jungen Leuten zu erarbeiten. Er fand zu seiner Verblüffung ein in jeder Formation respektables bis außerordentliches Mozart-Ensemble vor.

„Die Welt wird sich verlieben.“ Keineswegs, sagt Schade, sei das eine Studen­tenveranstaltung. „Das sind professionelle Sänger, exzeptionell gute Leute, die wir an Opernhäusern und über Agenten gefunden und bei Auditions in New York und Salzburg unter 200 Bewerbern ausgewählt haben. Hier sind die größten Talente versammelt: eine Kanadierin, eine Amerikanerin, eine Türkin, zwei Russen, eine Frau aus Botswana, ein Deutscher, ein Spanier, ein Chinese, ein Ungar, ein Ukrainer, ein Sopran aus Litauen. Salzburg nimmt für sich in Anspruch, sechs Wochen der Nabel der Opernwelt zu sein. Ich weiß, dass es einen Pygmalion-Effekt geben wird. Die Welt wird sich in unsere Sänger verlieben.“ Nein, aus Österreich ist niemand dabei, fügt er hinzu. Über die Gründe, die mit der schandbaren Vernachlässigung des Musikunterrichts zu tun haben mögen, will auch Barbara Bonney nicht mutmaßen.

Dafür geraten beide in Euphorie, wenn sie vom ungarisch-transsilvanischen Bass­bariton Levente Molnár und seinem chinesischen Fachkollegen Shen Yang erzählen. Die beiden hätten Don Giovanni und Leporello auf oberem Festspielniveau vorgelegt. „Wir unterrichten hier Mozart’schen Schönklang und natürliche Lyrik. Wir bekämpfen alle Unnatur beim Singen und versuchen, richtige Singschauspieler heranzubilden. Ob jemand aus China oder aus dem Oberammergau kommt, ist unerheblich“, tadelt Schade die verbreitete Arroganz gegenüber asiatischen Musikern. „Shen Yang hat bei der Audition ein Schubert-Lied vorgesungen, wunderbar in Stil und Diktion. Er wird ein ganz großer Bass. Oder unsere türkische Mezzosopranistin Ezgi Kutlu. Sie kam durch die Tür, wir hatten keine Ahnung, wer sie ist, und verliebten uns sofort in ihre Stimme.“

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23.7.2008 16:19