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30.7.2008 09:12

Zuerst bestimmten Propaganda und Zensur Chinas Filmwelt: Jetzt macht das Hollywood

  • Stalldienst am Land war die Strafe für Regimekritiker
  • Oscars, Stars & Kung Fu Pandas prägen heute das Bild

Als Hollywood-Regisseur Steven Spielberg sich Anfang des Jahres aus der künstlerischen Mitverantwortung für die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Peking zurückzog, zeigten sich die chinesischen Machthaber wenig erfreut. Dieser Ausdruck des Protests gegen die Sudan-Politik des Veranstalterlandes sei "völlig unangemessen und ungerecht", hieß es damals. Spielberg hätte Chinas Starregisseur Zhang Yimou unterstützen sollen, eine pompöse Eröffnung darf aber auch ohne US-Hilfe erwartet werden. Schließlich hat sich China nicht zuletzt durch sein faszinierendes Filmschaffen den Ruf eines der künstlerisch und kreativ spannendsten Länder erworben.

Zhang Yimou ist Teil der sogenannten "Fünften Generation" der chinesischen Filmemacher, die 1978 ihr Studium am Filminstitut begonnen und 1982 abgeschlossen haben. Gemeinsam mit Chen Kaige ("Gelbe Erde", "Die große Parade") und Tian Zhuangzhuang ("Der Pferdedieb") begründete Zhang die chinesische "Nouvelle Vague", die ab Mitte der 80er für den weltweiten Durchbruch des fernöstlichen Filmschaffens sorgte. Mit Filmen wie "Rotes Kornfeld" oder "Rote Laterne" wurde Zhang zum Geheimtipp für Cineasten, 1999 erhielt er in Venedig den Goldenen Löwen für "Keiner weniger".

Die Generation um Zhang, Chen und Tian war die erste neue Welle an Filmschaffenden nach der mehr als zehnjährigen Schließung des Filminstituts aufgrund der Großen Kulturrevolution von Mao Tse-tung (Mao Zedong) Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre. Maos Frau, Jiang Qing, die einst im vorrevolutionären Shanghai unter dem Künstlernamen "blauer Apfel" ein bedeutungsloses Filmsternchen gewesen war, hatte dabei ihre Ressentiments an den Kulturschaffenden ausgelassen. Regisseure und Schauspieler waren - wie so viele andere reale und vermeintliche Gegner der kommunistischen Partei auch - zum Stalldienst aufs Land verbannt worden. Jegliches Filmschaffen hatte der chinesischen Propaganda zu dienen.

Shanghai Szene wurde stark zensiert
Dieser Meinung hing schon in den späten 20er Jahren die chinesische Nationalpartei Kuomintang an, als sie die blühende Szene in Shanghai mit ersten Zensurmaßnahmen einschränkte. Und diese Meinung vertritt auch heute noch die kommunistische Staatsführung, wie Staats- und Parteichef Hu Jintao noch vor gar nicht allzu langer Zeit bestätigte. Als er 2005 aus Anlass des Hundert-Jahr-Jubiläums des chinesischen Filmschaffens die Filmemacher lobte und als wichtigen Teil von Chinas Modernisierung pries, mahnte er sie auch gleichzeitig, "die politisch korrekte Linie zu befolgen und ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen". Die Zensur lebt trotz der Öffnung des Landes weiter - auch wenn die Entscheidungen eigentlich nur mehr selten etwas mit Ideologie zu tun haben.

Seit Anfang der 90er Jahre hat sich die chinesische Filmlandschaft rapide verändert. Nach den Studentenunruhen 1989 wählten viele junge Filmemacher, die sogenannte Sechste Generation, (nicht immer freiwillig) den Weg in die Unabhängigkeit. Die Studios mussten ihre Filme zunehmend selbst finanzieren, die Marktöffnung machte China auch für Hollywood wieder attraktiver. Und nach einem Boom chinesischer Kampfkunst-Filme wie "Crouching Tiger, Hidden Dragon" von Ang Lee oder "Hero" von Zhang Yimou Anfang des neuen Jahrtausends entdeckte die US-Industrie zunehmend ihre Lust auf Fernost. Bestes Beispiel für die Annäherung: der jüngste Rekord an den chinesischen Kinokassen für den Animationsfilm "Kung Fu Panda".

Jackie Chan und Bruce Lee
Einst war Shanghai in den 1920er und 30er Jahren eine beliebte Kulisse für amerikanische Filme, doch das hatte sich nach Maos Machtübernahme schnell verändert. Shanghai verlor seine internationale Ausstrahlungskraft, und noch heute gilt die einst für ihre mysteriösen und anrüchigen Filmbegegnungen zwischen West und Ost bekannte Metropole nach der Zwangseinteilung zur stalinistischen Filmpropaganda nur noch als Schatten ihrer selbst. Im Zentrum der chinesischen Filmindustrie stehen heute Peking und Xi'an sowie Hongkong, das sich mit seinem typischen B-Movie-Actionkino einen Namen gemacht hat.

Aus Hongkong stammt etwa Jackie Chan, der lange als legitimer Nachfolger des Actionstars Bruce Lee gehandelt wurde, sich aber lieber auf komödiantische Weise mit seiner Kampfkunst durch diverse Hau-Drauf-Streifen schlug und damit bald auch in Hollywood zu einem Star wurde. In der actionreichen Animations-Parodie "Kung Fu Panda" aus dem Hause Dreamworks hat er eine Stimme übernommen, ebenso etwa wie Lucy Liu, Tochter chinesischer Immigranten aus New York und bekannt aus Filmen wie "Charlie's Angels" oder "Kill Bill". Starregisseur Quentin Tarantino hat in Letzterem vor fünf Jahren bereits seine Liebe zum chinesischen Kampfsportkino gezeigt und offenbar einen Nerv getroffen.

Nicht nur Actionkino
Aber nicht nur mit Actionkino ist der chinesische Film populär geworden, auch Cineasten bejubeln seit vielen Jahren die Werke aus der großen Talentschmiede. Chen Kaige und Zhang Yimou, als Aushängeschilder der Fünften Generation, beeindruckten stets mit ausdrucksstarken Bildern und einem kritischen Blick auf die chinesische Kultur und Geschichte. Internationale Anerkennung fanden auch die unabhängigen und individuell orientierten Regisseure der Sechsten Generation wie Zhang Yuan oder Wang Quan'an oder jene der Siebenten und Achten Generation, die zumeist mit wenigen, oft dokumentarischen Mitteln und mit Hilfe der neuen digitalen Technik gesellschaftskritische Porträts erstellen.

Gemeinsam ist den Regisseuren, dass sie immer wieder in Schwierigkeiten mit den Behörden geraten und mit Berufsverboten belegt werden. Von den mehr als 300 Filmen, die jährlich in China entstehen, sind viele nie in der Heimat, sondern oft nur auf ausländischen Festivals zu sehen. Zu großen Festivallieblingen entwickelten sich in den vergangenen Jahren die Meisterregisseure Wong Kar-Wai und Ang Lee, die immer wieder mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft werden. Beide pflegen auch starke Beziehungen in die USA, wo Ang Lee 2004 für den Schwulen-Western "Brokeback Mountain" mit vier Oscars geehrt wurde.

1500 Kinos für 1,3 Milliarden Menschen
In den meisten Fällen bleiben die Einkünfte am heimischen Filmmarkt für chinesische Regisseure sehr bescheiden - was aber nicht unbedingt an deren Filmen liegt. In ganz China werden bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden und 117 Millionenstädten insgesamt weniger als 1.500 Kinos gezählt. Auch in modernen Metropolen wie Shanghai, Guangzhou oder Peking ändert sich das erst schleichend mit steigendem Interesse des amerikanischen Markts - dabei besteht ohnedies großes Interesse am internationalen Filmschaffen. Doch die boomende DVD-Raubkopie-Industrie in China macht den Kauf eines Kinotickets wenig attraktiv, schließlich sind die raubkopierten DVDs zu einem Fünftel des Preises erhältlich.

Die fehlenden Kinos werden in China, der drittgrößten Filmindustrie nach Hollywood und Bollywood, derzeit als größtes Problem hinsichtlich einer engeren Zusammenarbeit mit den USA erachtet. Dennoch wird allgemein erwartet, dass sich die Vernetzung der chinesischen mit der westlichen Filmwelt in den kommenden Jahren erheblich intensivieren wird. "Es wird sicher bald einen chinesischen Arnold Schwarzenegger geben", meinte etwa kürzlich ein amerikanischer Produzent. Und einige Stars aus China wie Tony Leung, Gong Li, Jiang Wen, Maggie Cheung oder Zhang Ziyi haben sich im Westen ohnehin schon lange einen Namen gemacht. (apa/red)

30.7.2008 09:12
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