Olympia 2008

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30.7.2008 09:12

Konfuzius und Buddhismus prägten China:
Nicht nur das Schießpulver wurde erfunden

  • Tolerantes Zusammenleben, Höflichkeit & feine Sitten
  • Olympia-Gastegeber als Lander der Mitte bekannt

Marco Polo hatte nicht Recht. Seine fantasievollen, ja gar fantastischen Reiseberichte über China - bis heute ist nicht belegt, ob er wirklich im Reich der Mitte weilte - malten das Bild eines völlig fremden, isolierten Landes. "Die Entwicklung der chinesischen Kultur ist jedoch zu jeder Zeit geprägt worden durch Einflüsse aus anderen Kulturen", betont Sinologie-Professorin Mechthild Leutner von der Freien Universität Berlin. Deswegen ist es auch schier unmöglich, die Kulturgeschichte dieses fernen Landes auf einen Kern, eine Essenz, zu reduzieren.

Denkt man an China, fällt einem schnell das Schießpulver ein. Im 9. Jahrhundert haben es die Chinesen erfunden und die chemische Formel 1044 festgehalten. Rund 200 Jahre später ist Schießpulver erst in Europa belegt. Auch die Steinschleudermaschine (5.-4. Jahrhundert vor Chr.), das Papier (1.-2. Jahrhundert) oder die Konstruktion von Schleusentoren (11.-12. Jahrhundert) gehören zu den bedeutenden technischen Beiträgen der Chinesen ans mittelalterliche Europa, wie Jacques Gernet es in seinem Standardwerk "Die chinesische Welt" formuliert. "Bei zahlreichen Erfindungen und Entwicklungen war China dem Westen mehrere hundert Jahre voraus", betont Professorin Leutner.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass in China zumindest bis zum 19. Jahrhundert das sinozentrische Weltbild vorherrschte, das in den beiden Schriftzeichen für das Reich bis heute zementiert ist: Mitte und Land - das Land in der Mitte (Zhongguo). Als dann der Westen - vor allem die Briten, die die Kontrolle über den Seehandel übernahmen - ökonomisch und militärisch überlegen wurde, stellten die Chinesen die Stärke ihrer Kultur dagegen. "Es war schließlich die älteste Kultur der Welt, die noch existierte", betont Leutner. Geprägt war diese über die Jahrhunderte durch den Konfuzianismus, von dem bis heute etwa die Vorstellung der kindlichen Pietät, also der Ehrerbietung vor den Älteren, fortlebt. "Aber auch das Streben nach Bildung, um den sozialen Aufstieg zu schaffen, hat sich bis heute in der chinesischen Kultur festgesetzt."

Buddhismus und Jesuiten
Entscheidende Einflüsse kamen aber auch durch den Buddhismus, (insbesondere 400 n. Chr. bis ins 11. Jahrhundert) oder durch die Jesuiten, die im 16./17. Jahrhundert das Christentum nach China brachten. "Es hat immer Assimilation und Integration fremder Einflüsse gegeben", betont Leutner. Das habe die Wissenschaft aber lange nicht erkannt und so schrieben Forscher noch im 19. Jahrhundert - quasi in Marco Polos Tradition - vom "China, wo alles anders ist, und das erstmal vom Westen zivilisiert werden muss". "Doch schnell mussten sie erkennen, dass es sich um ein gut organisiertes Reich mit einer hochgebildeten Elite handelt", erläutert die Sinologin.

Nun aber doch noch ein genauerer Blick darauf, wie der Westen die Kultur Chinas wahrnahm. "Kurz gesagt, schwankte es von Begeisterung für das Exotische bis zur Verdammung", sagt Leutner. Marco Polos Reisebericht aus dem China des 13. Jahrhunderts begründete den Mythos von einem "Land des Luxus". Im 16. und 17. Jahrhundert breitete sich dann eine wahre "Chinoiserie" an den europäischen Fürstenhöfen aus. "Jedes Fürstenhaus hatte sein chinesisches Zimmer." Von Porzellan über Tapeten bis hin zur Gestaltung von Gärten - chinesisches Flair galt als angesagt. Dichter und Denker sahen damals die Vorzüge der chinesischen Kultur in der praktischen Philosophie des Konfuzianismus mit seinen Werten wie tolerantem Zusammenleben, Höflichkeit und feinen Sitten.

Negatives Bild am Start des 19. Jahrhunderts
Mit Beginn des 19. Jahrhunderts und dem Streben des Westens nach Kolonien entwickelte sich jedoch ein negatives Chinabild. Von der "balsamierten Mumie", einem Land des Stillstandes war die Rede. "Wir bringen China die Zivilisation" lautete das Credo in Europa, als "Legitimation ihrer militärischen Angriffe", so Leutner. Schließlich wurde China Ende des 19. Jahrhunderts als "gelbe Gefahr" gesehen. Mit wenigen Unterbrechungen hielt sich das eher verdammende Bild auch die nächsten Jahrzehnte. Erst von den 1980ern an kamen chinesische Medizin oder sportliche Betätigungen wie Tai Qi wieder im Westen in Mode. Zwar hat die chinesische Kultur laut Leutner bis heute nicht ihren Hauch des Exotischen verloren, aber man könnte Marco Polo durchaus antworten: "So fremd, wie es viele noch immer glauben, ist längst nicht alles dort im Reich der Mitte." (apa/red)

30.7.2008 09:12
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