Der Prager Koloss "Strahov" wankt heftig:
Das weltweit größte Stadion bröckelt ab
- Bauwerk fasste in seiner Glanzzeit 250.000 Menschen
- "Strahov" gerät selbst bei Pragern in Vergessenheit

Der Hradschin, der prächtige Prager Königssitz, ist ein Bauwerk von ungeheuren Ausmaßen. Senkrecht fallen die meterdicken Mauern hinunter zur Moldau, die Karlsbrücke gleicht von hier heroben einem mickrigen Holzsteg; und mittendrin trutzt seit Jahrhunderten der wuchtige Veits-Dom. Doch hoch über dem historischen Anwesen, versteckt hinter den Wäldern des Laurenzibergs, verbirgt sich die vergessene Prager Burg, ein Gebilde von gigantischer Dimension. Es ist hässlich, desolat, einzigartig und faszinierend zugleich - Strahov, das größte Stadion der Welt.
Gelle Schreie und schrille Pfiffe hallen durch die leeren Weiten. Auf einem der neun Fußballfelder läuft ein Nachwuchs-Fußballspiel. Dahinter, auf den Stehplatzrampen, verlieren sich die Familienmitglieder der Akteure, bewaffnet mit digitalen Fotoapparaten und Filmkameras. Die darüberliegenden Sitzplatztribünen sind gesperrt. Wer es dennoch wagt, ein Schlupfloch findet und sich Zutritt verschafft, wird von knackenden Waschbetonplatten und brüchigen Plastikbänken empfangen, zwischen denen Gestrüpp hervorlugt. Erst ganz oben, am letzten Rang, wird das unfassbare Fassungsvermögen fassbar: 250.000 - eine Viertelmillion Menschen fanden hier einst Platz.
1926 begann man mit der Errichtung des Monstrums, nach der Machtübernahme der Kommunisten wurde das "Velky strahovsky stadion" ausgebaut. Auf dem mehr als 60.000 Quadratmeter großen "Spielfeld" tummelten sich einst bis zu 10.000 Turner anlässlich der Spartakiade, während die Parteibonzen hoch droben in den Logen die Genossen bei der Körperertüchtigung beobachteten. Nach dem Ende des Realen Sozialismus fing der Stadionbeton zwar leicht zu rieseln an, für Besucheranstürme war Strahov dennoch weiterhin gerüstet. Pop-Konzerte hießen nun die Zuschauermagneten, 150.000 Fans passten locker und leicht zu U2, Pink Floyd oder den Rolling Stones in das abgerundete Viereck.
Stadion abseits der Touristenrouten
2008 scheint der kommunistische Koloss aus dem kollektiven Gedächtnis der Prager langsam zu entschwinden. Touristen bekommen von der weltgrößten Arena ohnehin nichts mit. Strahov findet sich weder auf Postkarten und Stadtführern, noch auf Plakaten. Während Altstädter Ring, Wenzelsplatz, Kleinseite oder Jüdisches Viertel penibel ausgeschildert sind, muss man sich den Weg zum Spartakiade-Stadion mühsam erkämpfen.
Wird der betagte Riese etwa als Schandfleck gesehen? Prag hat sich jedenfalls des Miefs vergangener Jahrzehnte entledigt. Überall protzen und prunken Prachtbauten aus allen erdenklichen Epochen, von den Besuchern aus aller Welt heftigst bestaunt und bewundert, Lokale und Cafes, wo der Euro die Standardwährung ist, locken mit typisch westeuropäischen Preisen. Von Strahov hingegen spricht niemand. Es scheint, als hätten die Prager gemeinsam angepackt und die kantige "Schüssel" mit aller Kraft hinauf auf den Berg, aus ihrem Blickfeld geschoben.
Wie ein unter Akromegalie leidendes Fußballstadion steht es da, angsteinflößend und bemitleidenswert zugleich. Sparta Prag hat sich mit seiner Geschäftsstelle im "Velky strahovsky stadion" eingerichtet; der moderne Quader sieht von den Tribünen aus wie ein Schuhkarton. Dort oben macht die Zeit einen Salto rückwärts, mitten hinein in die Jahre des Kommunismus. Abgestandener Geruch von bröselndem Mauerwerk, rostige Verstrebungen, verwitterte Plastikbänke und modrige Zwischenräume brüchiger Betonplatten, alles gehalten in depressivem Graubraun - Strahov's Vergangenheit könnte gegenwärtiger nicht sein. Seine Zukunft ist allerdings ungewiss.
(apa/red)
