Fieberhafte Suche nach den Bombenlegern: Polizei nach Istanbuler Anschlag noch ratlos
- Spekulationen gehen von ein bis zwei Tätern aus
- Terrororganisation PKK als Drahtzieher vermutet

·BILDER vom Anschlag
mitten in Istanbul
17 Menschen starben bei zwei Bombenexplosionen
·Chronologie der blutigen Anschläge
Türkei immer wieder Zielscheibe der Attentäter
·Irak: Zwei Dutzend Tote bei Anschlägen
Frauen für Selbstmord- Attentate verantwortlich
·Hälfte der 30 Mio. Kurden leben in Türkei
Häufig gespalten und ohne eigenen Staat
Nach dem schweren Anschlag in Istanbul haben die türkischen Sicherheitskräfte laut Presseberichten die Suche nach mindestens einem Verdächtigen aufgenommen. Die türkischen Zeitungen "Vatan" und "Taraf" veröffentlichten unter Berufung auf Polizeikreise übereinstimmende Beschreibungen eines mutmaßlichen Bombenlegers. In anderen Zeitungen war von zwei Verdächtigen die Rede.
Der britische Sender BBC berichtete, die kurdische Untergrundorganisation PKK habe im Vorfeld der Bombenexplosionen in Istanbul vor Anschlägen in der Türkei gewarnt. Das türkische Verfassungsgericht setzte seine Abschlussberatungen über ein Verbot der Regierungspartei AKP fort.
Spekulationen über ein bis zwei Bombenleger
Die Ermittler in Istanbul wurden laut "Vatan" und "Taraf" durch die Bilder von Überwachungskameras und die Aussagen von Augenzeugen auf einen mutmaßlichen Bombenleger im Alter zwischen 20 und 25 Jahren aufmerksam. Der Verdächtige war demnach etwa 1,70 Meter groß, schlecht rasiert und trug ein grünes T-Shirt. In anderen Zeitungen war ohne Angabe von Einzelheiten von zwei Verdächtigen die Rede.
Laut "Vatan" verfolgt die Polizei insbesondere die Spur, dass die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) hinter der Tat von Sonntagabend steckt. Demnach sei der Bombenleger "aus den Kandil-Bergen gekommen, um seine Tat zu verüben", schrieb das Blatt in Anspielung auf ein Rückzugsgebiet der Kurdenrebellen im Norden des Irak. Der zweite in Istanbul gezündete Sprengsatz war dem Bericht zufolge mit einem Verzögerungszünder versehen, der nicht von den Bombensuchgeräten der Polizei aufgespürt werden kann.
Bei dem Anschlag in einer Einkaufsstraße war zunächst eine Bombe mit geringer Sprengkraft gezündet worden. Nachdem der Knall viele Menschen angelockt hatte, detonierte Minuten später eine schlagkräftige Bombe, die 17 Menschen tötete und mehr als 150 weitere verletzte.
PKK im Strudel der Verdächtigungen
BBC strahlte ein Interview mit PKK-Chef Murat Karayilan aus, das vor etwa zwei Wochen in den Kandil-Bergen aufgenommen worden sei. Darin sagte Karayilan: "Es ist möglich, dass wir eine Reihe von Anschlägen auf wirtschaftliche und militärische Ziele in türkischen Städten verüben." Die PKK versicherte nach dem Anschlag im Istanbuler Viertel Güngören jedoch, nichts damit zu tun zu haben.
Die für mehr Autonomie kämpfende PKK ist von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft worden. Die Türkei beschuldigt die PKK, sich nach Angriffen auf türkischem Gebiet hinter die Grenze im Nordirak zurückzuziehen. Ende Februar hatte die Türkei eine massive Militäroffensive auf irakischem Gebiet gegen kurdische Rebellen gestartet. Seither wurden immer wieder Luftangriffe der Türkei auf irakischem Boden gemeldet. Die türkische Armee flog einer Kurdenpartei zufolge neuerlich Luftangriffe gegen angebliche PKK-Stellungen in den Kandil-Bergen. Sechs Militärflugzeuge hätten die Gegend bombardiert, teilte die irakische Kurdenpartei PUK (Patriotische Union Kurdistans) mit.
Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan hatte die PKK indirekt für die Bluttat verantwortlich gemacht. Die Anschläge seien der Preis, für die intensivierte Kampagne gegen die PKK in der Türkei und im Irak, sagte er. Am Dienstag warnte der Ministerpräsident jedoch vor voreiligen Schlüssen. "Bitte gebt dem Terrorismus keinen Namen. Lasst die Sicherheitskräfte ihre Informationen prüfen und sie ihm einen Namen geben lassen", sagte er vor Abgeordneten seiner Parlamentsfraktion. Die Türkei stelle sich "mit einer einzigen Stimme, einem einzigen Herz gegen den Terrorismus". Oppositionsführer Deniz Baykal rief am Dienstag zu einem Massenprotest gegen den jüngsten Anschlag auf.
Verfassungsgericht berät indes über AKP-Verbot
Das türkische Verfassungsgericht setzte unterdessen seine abschließenden Beratungen über ein Verbot von Erdogans AKP fort. Das elfköpfige Gremium hatte zwölf Stunden lang getagt und sollte so lange weiter beraten, bis die notwendige Mehrheit von sieben Richterstimmen für ein Urteil erreicht wird. Türkische Medien erwarteten eine Entscheidung bis Freitagabend. Der AKP droht wegen angeblicher islamistischer Tendenzen die Auflösung. Zudem fordert die Generalstaatsanwaltschaft ein fünfjähriges politisches Betätigungsverbot für Erdogan, Präsident Abdullah Gül sowie 69 andere führende AKP-Politiker. Es ist jedoch auch denkbar, dass die AKP fortbesteht, aber keine staatlichen Gelder mehr bekommt. (apa/red)
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