Sonntag, 27. Juli 2008

Radovan Karadzic nun doch nicht in Wien?
Echter Petar Glumac in Serbien aufgetaucht

  • Glumac: "Bin 'Dragan Dabic' 1.000-prozentig ähnlich"
  • Heiler hatte letztes Jahr in Wien mit Polizei Kontakt
    PLUS: Termin für Überstellung Karadzic' noch offen

Es herrscht weiter Unklarheit über einen möglichen Wien-Aufenthalt des mutmaßlichen Kriegsverbrechers und früheren bosnisch-serbischen Präsidenten Radovan Karadzic. Der 78-jährige Petar Glumac, der als "Wunderheiler" in der Vojvodina-Ortschaft Banatsko Novo Selo lebt, gab in einem Interview mit der serbischen Nachrichtenagentur Tanjug an, jener "Pera" zu sein, dessen Reisepass im Vorjahr in Wien von der Polizei überprüft worden sei.

"Das deckt sich nicht mit unseren Erkenntnissen, widerspricht ihnen aber auch nicht", sagte Innenministeriums-Sprecher Rudolf Gollia auf Anfrage dazu. Man bemühe sich weiter zu verifizieren, ob Karadzic in Wien gewesen sei.

Der in der Vojvodina lebende Glumac, der langes, zu einem Zopf zusammengebundenes Haar, einen Vollbart und eine Brille trägt, hatte gegenüber Tanjug erklärt, dem früheren Präsidenten der Republika Srpska "1.000-prozentig" ähnlich zu sein. Auch Karadzic legte sich auf der Flucht zur Tarnung einen langen Bart, lange Haare und und Augengläser. Der einzige Unterschied zwischen ihm und "Dragan Dabic", hinter dessen Namen sich der jahrelang wegen Kriegsverbrechen gesuchte Karadzic verbarg, bestehe in dem Zopf, sagte Glumac. Dabic habe ihn hoch am Kopf gebunden, er trage ihn frei am Rücken.

Glumac sagte in dem Tanjug-Interview von sich, "früher 1,95 Meter" groß gewesen zu sein. Inzwischen sei er vom Alter ein bisschen gebeugt. Es sei unmöglich, dass er auf der Straße unbemerkt bleibe. Der echte Karadzic dürfte nach Angaben von Personen, die ihn persönlich kennengelernt haben, etwas kleiner, etwa 1,85 Meter, groß sein.

Die Tageszeitung "Österreich" hatte eine Frau mit der Aussage zitiert: "Jawohl, der Mann, der Radovan Karadzic ist, lebte von Juli bis September 2006, dann nochmals von Anfang Jänner 2007 bis Ende Mai 2007 und schließlich für einige Zeit auch von September bis November 2007 bei mir in der Märzstraße." Die "Kronen Zeitung" zitierte dieselbe Frau. Das Innenministerium konnte die Angaben nicht bestätigen. Alle Zeugen und mutmaßlichen Zeugen würden einvernommen, sagte Gollia. Es gebe auch Personen, die bezeugen wollten, dass der Mann, der in Wien unter dem Namen "Pera" als Alternativmediziner tätig gewesen sei, nicht Karadzic sei. Zuvor hatte der "Kurier" berichtet, dass Karadzic in Wien Kuren gegen Unfruchtbarkeit angeboten habe.

Karadzic' Überstellung
Unterdessen stand noch immer kein genauer Termin für die Überstellung des nach offiziellen serbischen Angaben in Belgrad gefassten 63-Jährigen an das UNO-Kriegsverbrechertribunal (ICTY) in Den Haag fest. Sein Anwalt Svetozar Vujacic wollte auch nach einem Besuch bei Karadzic keine näheren Angaben zur Berufung machen, die er bis Freitagabend gegen die Auslieferung einlegen konnte. Er zeigte sich jedoch überzeugt, dass die Überstellung Karadzics frühestens am Mittwoch, "vielleicht auch erst am Donnerstag", erfolgen könnte.

(apa/red)

27.7.2008 16:41