Freitag, 25. Juli 2008

Historische Niederlage der Labour Party:
Nach 60 Jahren kein Mandat in Glasgow-Ost

  • Gordon Brown warb persönlich in dem Wahlkreis
  • SNP-Vizechef: "Haben sich von Labour abgewandt"

Neuer Schock für den angeschlagenen britischen Premierminister Gordon Brown: Seine Labour Party hat bei der dritten Nachwahl in Folge eine Schlappe erlitten und einen ihrer sichersten Sitze verloren. Bei dem Votum in Schottland für das britische Unterhaus musste die Partei den Sitz Glasgow-Ost an die schottischen Nationalisten abgeben, wie aus der veröffentlichten Auszählung hervorgeht. Nach dem verheerenden Ergebnis für Labour steht nun auch Browns Zukunft wieder zur Debatte. Der Regierungschef steckt seit Monaten im Umfragetief und ist auch in der eigenen Partei umstritten.

Brown betonte, er werde nicht aufgeben und das Land durch "schwierige Zeiten führen". "Ich werde den Job weitermachen", sagte der Premier. Der Chef der oppositionellen Konservativen, David Cameron, forderte ihn jedoch auf, angesichts des Ergebnisses Parlamentswahlen auszurufen.

Verlust in Browns Heimat
In der einstigen Labour-Hochburg siegte der Kandidat der Schottischen Nationalpartei (SNP), John Mason, knapp mit einem Vorsprung von 365 Stimmen. Zuvor hatte Labour in dem Arbeiterbezirk eine komfortable Mehrheit von 13.500 Stimmen gehalten. Der Sitz galt als der drittsicherste für Labour im Vereinten Königreich und wurde seit Jahrzehnten von der Partei gehalten. Der Verlust ist für Brown besonders schmerzhaft, da er selbst Schotte ist und sich persönlich am Wahlkampf beteiligte.

Der Gewinner Mason und der Chef der SNP, Alex Salmond, sprachen von einem "politischen Erdbeben", das bis zum Regierungssitz in der Londoner Downing Street zu spüren sei.

Entwicklungsminister Douglas Alexander, einer von Brown engsten Vertrauten, rief die Partei zur Einigkeit auf. Er betonte, die Verantwortung für die Niederlage liege nicht allein beim Premier. Die Wähler hätten ihren "Frust" über die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes ausgedrückt. Verteidigungsminister Des Browne sagte, Brown sei "der beste Politiker des Landes".

Debatte um Browns Zukunft
Hinterbänkler brachten allerdings schon kurz nach der Niederlage wieder die Debatte um Browns Zukunft ins Rollen. "Wir brauchen einen Neustart und der kann nur von einer Diskussion über die Führung kommen", sagte Graham Stringer. Kabinettsmitglieder sollten mit Brown "aufrichtige Gespräche" führen.

Umstrittener Premier
Die Nachwahl war nötig geworden, weil der Labour-Abgeordnete David Marshall aus Gesundheitsgründen zurückgetreten war. Seit Monaten wird über eine eventuelle Ablösung von Brown an der Spitze der Labour Party und im Regierungsamt spekuliert. Er hatte das Amt im Juni vergangenen Jahres von Tony Blair übernommen. Die Labour Party ist seit elf Jahren an der Macht. Bis spätestens 2010 muss der Premier, der in Großbritannien das Recht zur Bestimmung des Wahlzeitpunkts hat, Parlamentswahlen ansetzen. In Meinungsumfragen liegt Labour derzeit 20 Prozentpunkte hinter den oppositionellen Konservativen.

Brown und die Labour Party haben mit den Folgen der Kreditkrise zu kämpfen, die das Wirtschaftswachstum beeinträchtigt. Zu schaffen machen ihnen auch die steigenden Preise für Lebensmittel und Energie, die vor allem die sozial Schwachen treffen. Die Gewerkschaften fordern eine Kehrtwende mit ausgeweiteten Streikrechten und freier Schulspeisung. Es wird allerdings nicht erwartet, dass Brown den Forderungen am Freitag nachgeben wird.
(apa/red)

25.7.2008 13:57