Mittwoch, 16. Juli 2008

Exklusiv. Frei nach zwanzig Jahren!

  • Mordschwestern sollen enthaftet werden

Vergangener Donnerstag, 17 Uhr, im südlichen Niederösterreich: Langsam öffnet sich die schwere Eisentüre der Justizanstalt Schwarzau. Eine hübsche, zierliche Frau im ärmellosen Leinenkleid und in flachen Sandalen tritt heraus, bleibt kurz stehen, holt einmal tief Luft, verabschiedet sich von den Dienst habenden Torposten, und geht schnellen Schrittes in Richtung Parkplatz, wo bereits eine Freundin auf sie wartet.

Die beiden umarmen einander, lachen, scherzen, steigen dann in das Auto der „Abholerin“, fahren in einen nahe gelegenen Supermarkt, machen dort mit offensichtlicher Freude einen Einkauf...

Auf Freigang. Zwei Stunden später: Wieder verlässt eine gut aussehende Frau das Gefängnis, sportlich-modern ist sie gekleidet, mit Jeans und türkisfarbenem T-Shirt und Plateauschuhen, das halblange Haar hat sie kunstvoll auftoupiert, das Gesicht sorgfältig geschminkt. Sie greift in ihre Handtasche, holt ein Handy hervor, telefoniert kurz: „Ich steh schon draußen – wo bleiben Sie denn …?“ Eine Minute später hält ein dunkles Taxi neben ihr, sie nimmt am Rücksitz Platz …

Ein langes Wochenende in Freiheit. Für zwei Häftlinge hat das Wochenende begonnen, ein Wochenende in Freiheit. Ohne Aufsicht ihrer Bewacher, ohne sich den strengen Regeln hinter Gittern unterordnen zu müssen. Freigang – für drei Tage. Für Waltraud W. und Irene L. Namen, die in die österreichische Kriminalgeschichte eingegangen sind – unter dem grauenhaften Kapitel „Die Mordschwestern von Lainz“. Waltraud W. und Irene L. – von 1983 bis 1989 hatten sie und zwei weitere Krankenpflegerinnen in dem Wiener Krankenhaus nachgewiesenermaßen 41 bettlägrige Menschen getötet. Durch Verabreichung hoher Dosen von Psychopharma­ka oder Insulin. Und mit der berüchtigten „Mundpflege“: Den Patienten wurden mit Spateln gewaltsam die Zungen niedergedrückt, und danach wurde ihnen so lange Wasser eingeflößt, bis sie qualvoll erstickten.

1991 der Prozess: Zwei der angeklagten Krankenschwes­tern erhielten 15 beziehungsweise 20 Jahre Haft, „Rädelsführerin“ Waltraud W. und ihre „Hauptgehilfin“ Irene L. „lebenslänglich“ (siehe Kasten vorige Seite).
Stefanija M. und Maria G. – sie sind bereits seit Jahren frei – haben unter neuen Namen ein neues Leben begonnen, in totaler Anonymität.

Entlassung bereits im August? Und das dürfte jetzt auch bald für Waltraud W. und Irene L. möglich sein: Denn schon in den kommenden Wochen soll, so wird hinter vorgehaltener Hand in Justizkreisen erzählt, ihre Entlassung aus der Justizanstalt Schwarzau erfolgen. „Lebenslang“ dauerte für sie damit nicht einmal zwanzig Jahre. Kürzer als für viele andere. Laut Statistik bedeutet das Urteil „lebenslang“ in Österreich nämlich im Durchschnitt 23 Jahre in Haft.

Fakt ist allerdings: Schon seit 2003 wurden die beiden Frauen sukzessive auf eine eventuelle „Wiedereingliederung in die Gesellschaft“ vorbereitet, zunächst durften sie für Stunden und lediglich in Begleitung von Beamten, letztlich Tage und schließlich sogar ganze Wochenenden alleine nach „draußen“. Ausschlaggebend für diese „Lockerungen“: Sowohl Waltraud W. als auch Irene L. galten schon seit langem als „Mus­terinsassinnen“, sie hätten zudem mit der Zeit für ihre Verbrechen extreme Reue gezeigt – und außerdem würde bei ihnen, wie Psychologen und Psychiater meinen, „kaum eine Rückfallgefahr“ vorliegen.

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16.7.2008 15:43