Olympia 2008

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30.7.2008 09:16

Arbeiter nehmen schwierige Lage in Kauf:
"Moderne Sklaven" Chinas sind zufrieden

  • Gehalt knapp unter 200 Euro für 70-Stunden-Woche
  • Kaum Kontakt zur Familie - Keine soziale Absicherung

Wie die meisten Chinesen freut sich auch Wang Kejian schon sehr auf die Olympischen Spiele in Peking. "Natürlich werden wir uns die Eröffnungszeremonie im Fernsehen ansehen", strahlt der 40-Jährige übers ganze Gesicht. Doch eigentlich weiß er noch gar nicht, ob er Zeit dafür haben wird. "Die Arbeit geht vor", sagt der Bauer aus der zentralchinesischen Provinz Anhui. Er ist einer jener Hunderttausenden Wanderarbeiter, die unermüdlich auf den Baustellen der Olympia-Stadt schuften, um Sportstätten, Wohn- und Bürogebäude aus dem Boden zu stampfen.

Die Chancen Wangs auf einen Olympia-Fernsehabend stehen gar nicht so schlecht, schließlich sollen während der Spiele alle Baustellen in Peking ruhen, um die chronisch schlechte Luftqualität in der 16-Millionen-Metropole zu verbessern. Bis dahin gibt es für die Wanderarbeiter aber kein Verschnaufen. "Ich arbeite zehn Stunden am Tag ohne Pause, und das sieben Tage in der Woche. Feiertag gibt es für mich keinen", erzählt der 22-jährige Xu Jiefang. In einem zerschlissenen Anzug und mit einem gelben Helm auf dem Kopf steht er vor der edlen schwarzen Fassade des Hauptquartiers eines internationalen Sportartikelkonzerns im Zentrum Pekings, an dem wenige Tage vor dem geplanten Baustopp noch mit Hochdruck gearbeitet wird.

"Ich glaube, wir werden es noch schaffen", sagt Xu mit Blick auf das Gebäude. Wegen der nahenden Olympischen Spiele habe man das Tempo erhöht. Für seine 70-Stunden-Woche erhält er 2.000 Yuan (187 Euro) im Monat. Das ist viel Geld für den Mann aus der Provinz Henan, der dafür fehlende soziale Absicherung und die Trennung von seiner Familie in Kauf nimmt. Nein, oft komme er nicht heim, aber dafür gibt es ja das Telefon.

150 Millionen Wanderarbeiter
150 Millionen Chinesen sind Schätzungen zufolge aus den ländlichen Gebieten in die boomenden Küstenregionen gezogen, um sich dort ein besseres Leben aufzubauen. Mit den Einheimischen haben sie praktisch keinen Kontakt, ebensowenig wie mit der eigenen Familie. Wang Kejian sieht seine Familie nur alle paar Wochen, wenn er für einige Tage von einem Montageeinsatz nach Anhui zurückkehrt. Dazwischen ist er auf Baustellen in ganz China zu finden. "Wir gehen dort hin, wo es Arbeit gibt", erzählen Wang und sein 23-jähriger Kollege Chen Jun. "Mit der Familie ist es schwierig, aber das Einkommen ist gut und wir können viel sparen."

Der 35-jährige Mo Peiku ist schon seit zehn Jahren auf Baustellen in Peking tätig. Er hat seine Frau und seinen elfjährigen Sohn aus dem westchinesischen Sichuan nachgeholt, obwohl damit auch sie die soziale Absicherung verloren haben, die es laut chinesischem Recht nur in der Heimatprovinz gibt. "Es ist natürlich ein Problem, dass man nicht krankenversichert ist", räumt Mo ein. Über andere Schwierigkeiten wie ausbleibende Lohnzahlungen oder schlechte Versorgung durch die Unternehmer schweigt er sich lieber aus. Nein, über den Arbeitgeber könne er sich nicht beklagen, sagt Mo mit gesenktem Blick. "Das stimmt doch nicht", mischt sich ein anderer Wanderarbeiter ein. "Natürlich hast Du schon Probleme mit der Bezahlung gehabt wie wir alle. Wir sollten schon ehrlich sein."

"Moderne Form der Sklaverei"
"Die Wanderarbeiter repräsentieren eine moderne Form der Sklaverei, auch wenn sie für ihre Arbeit bezahlt werden", bringt es ein westlicher Menschenrechtsexperte in Peking auf den Punkt. Dass sie das harte Brot in der Stadt auf sich nehmen, zeige, wie hoffnungslos ihre Lage auf dem Land gewesen sein muss.

Da der Zuzug der Wanderarbeiter gehörigen sozialen Sprengstoff für die Städte birgt - viele von ihnen werden straffällig, weil sie wegen ihres ohnehin illegalen Status "nichts zu verlieren haben" -, versucht die chinesische Regierung gegenzusteuern. Voriges Jahr wurde die Grundsteuer für Bauern gestrichen, um Wanderarbeiter zur Rückkehr in die Provinzen zu bewegen. Mo hat davon auch schon gehört. Ob er nun erwäge, zurückzukehren? "Ich nicht, und ich kenne auch niemanden, der das tun wird. Das wenige Land, das wir noch haben, kann uns nämlich nicht ernähren."

(apa/red)

30.7.2008 09:16
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