Dienstag, 22. Juli 2008

Berni Kohl versetzt die Radwelt in Staunen:
Österreicher bei 2. Tour ein Sieganwärter

  • Manager liegen bereits Angebot von Top-Teams vor
  • "Meine Stärke ist, dass ich sehr rasch regeneriere"

Bernhard Kohl ist auf jeder Bergetappe der Tour de France für eine Überraschung gut. Etappen- und Gesamtrang vier auf der großen Pyrenäen-Etappe, nun bester Kletterer unter den Tour-Favoriten auf dem ersten Alpen-Teilstück und sogar Gesamt-Zweiter - der Niederösterreicher mit Wohnsitz in Kärnten setzt bei seiner erst zweiten Tour die Fachwelt in Erstaunen. Kohl und die Tour - da kann man von Liebe auf den ersten Blick sprechen. Vom ganz großen Coup will der 26-Jährige noch nicht reden - als Rundfahrt-Spezialist stehen ihm aber schon jetzt alle Türen offen.

Das Gerolsteiner-Team sucht seit Monaten einen neuen Sponsor - trotz der Erfolge bei der Tour (vor Kohls Klettertouren im Spitzenfeld hatte Stefan Schumacher eine Etappe gewonnen und das Gelbe Trikot getragen) wurde bisher keiner gefunden. Kohl, dessen Vertrag ausläuft, braucht sich hingegen keine Sorgen zu machen. So wie Peter Luttenberger nach Rang fünf 1996 wird auch der gelernte Rauchfangkehrer aus Wolkersdorf einen hochdotierten Vertrag in einem Spitzenteam bekommen. Angebote liegen dem Schützling von Coach Werner Zanier bereits vor.

Kohl, 1,72 m groß und rund 60 kg leicht, hatte sich als Jugendlicher in vielen Sportarten versucht. Für Fußball oder Tennis erwies sich aber seine damals geringe Größe als Manko. Im Radsport spielte das keine Rolle, der Schüler schrieb sich beim URC Wolkersdorf ein. Sein Vater Christian hatte nach einer Fußball-Laufbahn selbst spät die Liebe zum Radsport entdeckt und bestritt Seniorenrennen. "Mit dem Rad wäre ich wahrscheinlich erfolgreicher gewesen als mit dem Ball", meinte Kohl senior, der als größter Fan seinen Sohn bei der Tour in den Alpen anfeuert.

"Aus dem kann was werden"
Das Potenzial Bernhards hat sein damaliger Trainer Andreas Blümel schon früh erkannt. "Aus dem kann was werden, wenn er dabeibleibt", sagte der Ex-Rennfahrer. Kohl gewann als Jugendlicher in einer Klasse mit Siegfahrer Bernhard Eisel zwar nicht viele Rennen, seine Stärke am Berg verhalf ihm aber in der Folge zu einer märchenhaften Karriere. "Im Hinterkopf habe ich schon gehofft, dass Bernhard einmal Weltspitze wird", gab Vater Kohl zu.

Erste heimische Profi-Station Kohls war das Team Elk Haus, danach ging es ins Ausland. Im Rabobank-Nachwuchs-Rennstall lernte er viel, danach erhielt er einen Vertrag bei T-Mobile. In seiner aktuellen Equipe Gerolsteiner fühlt sich Bernhard sehr wohl. Team-Manager Hans-Michael Holczer holte ihn vor allem wegen seines dritten Ranges bei der Dauphine-Rundfahrt 2006, das machte sich mehr als bezahlt. "Meine Stärke ist, dass ich sehr rasch regeneriere", erklärt Kohl. Und hofft, dass dies auch nach den bisherigen Strapazen der 95. Tour so sein wird.

Tour-Vorbereitung auf eigene Kosten
Der erfahrene Peter Wrolich hat Kohl im Vorjahr bei der Tour de France quasi eingeführt. Der Kärntner hält große Stücke auf seinen oftmaligen Trainingspartner. "Ich kenne niemanden, der sich so akribisch vorbereitet wie er", sagte Wrolich. So fuhr Kohl etwa vor der Tour auf eigene Kosten alle Pyrenäen- und Alpen-Pässe ab und sammelte wertvolle Erkenntnisse. Wrolich freut sich für den Teamkollegen. "Jetzt ist er motivierter denn je und erntet die Früchte seiner Arbeit. (apa/red)

22.7.2008 17:38