Dienstag, 15. Juli 2008

Kohl nimmt Kurs auf neue Tour-Rekorde:
26-Jähriger wird zu Gerolsteiners Trumpf

  • Beste Gesamtplatzierung eines Teamfahrers greifbar
  • Kohl hält bescheiden an Top-Ten-Zielsetzung fest

Bernhard Kohl ist auf den Pyrenäen-Etappen zum Trumpf-Ass des deutschen Gerolsteiner-Teams bei der 95. Tour de France avanciert. Mit Etappen- und Gesamtrang vier hat sich der 26-jährige Niederösterreicher im erweiterten Favoritenkreis etabliert. "Als ich es abends im Fernsehen gesehen habe, habe ich erst realisiert, was geschehen ist", sagte Kohl, der im Ziel völlig ausgelaugt war, lange Zeit zur Abgabe der Dopingprobe benötigte und daher spät mit dem Hubschrauber von Hautacam ins Teamhotel nach Pau geflogen wurde.

Bei Team-Manager Hans-Michael Holczer nährte die Vorstellung des Kletter-Spezialisten die Hoffnung, bis zum Ende der Tour doch noch den rettenden Sponsor für 2009 zu finden. Weil Gerolsteiner nach langjährigem Engagement nicht mehr verlängerte, droht das Aus. Holczer hatte Kohl nach dessen drittem Gesamtrang bei der Dauphine-Rundfaht 2006 für 2007 ins Team geholt und wurde in dessen erst zweiter Tour de France bestätigt.

Bei Holczer reiften sogar Träume vom Podium in Paris. "Gestern gab es sogar Momente, in denen ich mir überlegt habe, dass Bernhard ins Gelbe Trikot fahren könnte", gab Holczer am ersten Ruhetag am Dienstag in Pau zu. Und ergänzte: "Auch die Top Ten wären ein Traum." Kohl selbst blieb zurückhaltend, wohl wissend, welche Strapazen in den restlichen zwölf Tagen noch warten. "Mit den Top Drei brauche ich nicht zu spekulieren. Das ist noch viel zu früh." Vor dem Start hatte sich der gelernte Rauchfangkehrer einen Platz in den ersten Zehn als hohes Ziel gesetzt.

Toller Gesamteindruck des Gerolsteiner-Teams
Die starke Vorstellung des Wahl-Kärntners ist das i-Tüpfelchen auf eine formidable Tour der Gerolsteiner-Equipe, für die Georg Totschnig 2005 ebenfalls in den Pyrenäen (Ax-Trois Domaines) den ersten Etappensieg eingefahren hatte. "Wir haben es fünf Jahre versucht, im sechsten können wir es. Das ist im Prinzip das komplette Soll für ein Jahr", zog Holczer Zwischenbilanz.

Dank der "weltweiten" TV-Bilder schöpfte er neue Hoffnung in der Sponsorensuche. "Das ist gerade das, was wir brauchen." Und Peter Wrolich, der diesmal bei der Tour fehlende, längstdienende Gerolsteiner-Profi, meinte angesichts der tollen Vorstellung seiner Kollegen: "Wenn es jetzt nicht funktioniert, dann weiß ich auch nicht, was auf der Sponorensuche noch hilft."

Kohl bringt sich ins Gespräch
Kohl, dessen Vertrag ausläuft, betrieb Werbung für das Team, aber auch in eigener Sache. Der frühere T-Mobile-Profi, der vor der Tour die Pyrenäen- und Alpenetappen auf eigene Faust abgefahren war, will sich "für einen neuen Vertrag empfehlen", Interesse anderer Teams gibt es bereits. Für seinen überraschenden Sprung in die absolute Weltspitze hat Kohl eine einfache Erklärung. "Es gibt nicht mehr ein, zwei Leute, die über allen stehen. Es ist alles relativ kompakt", meinte der Ex-ÖRV-Meister.

Der Wahl-Klagenfurter könnte die beste Tour-Gesamtplatzierung eines Österreichers seit Rang drei von Adolf Christian 1957 schaffen und Platz fünf von Peter Luttenberger 1996 übertreffen. Und er könnte am 27. Juli in Paris den US-Amerikaner Levi Leipheimer, der 2006 Sechster wurde, als besten Klassement-Fahrer der Gerolsteiner-Geschichte ablösen. "Das ist drin. Das kann er erreichen", sagte sein Sportlicher Leiter Christian Henn.
(apa/red)

15.7.2008 14:51