Sonntag, 20. Juli 2008

Nach zwölf langen Tagen der Geiselhaft:
PKK-Geiseln sind wieder auf freien Fuß

  • Kurden-Rebellen ließen Gefangene auf Hügel zurück
  • 3 deutsche Bergsteiger sind gesundheitlich wohlauf

Erleichterung am Berg Ararat: Nach zwölf Tagen in den Händen von bewaffneten Entführern aus den Reihen der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans PKK sind drei deutsche Bergsteiger im äußersten Osten der Türkei wieder auf freien Fuß gekommen - und das ohne Blutvergießen. Die Kurden-Rebellen ließen ihre Geiseln auf einem Hügel zurück. Die aus Bayern stammenden Männer im Alter von 33, 48 und 65 Jahren sind laut Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier wohlauf. Sie werden derzeit in der Stadt Dogubayazit gesundheitlich untersucht und sollten dann an Vertreter Deutschlands übergeben werden.

Über Zugeständnisse an die Entführer wurde indes nichts bekannt. Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel sagte auf die Frage nach Lösegeld nur: "Sie wissen, dass wir alles tun, um die Geiseln frei zu bekommen." Der Krisenstab der Bundesregierung habe eine hervorragende Arbeit geleistet. Sie selbst sei "erstmal erleichtert".

PKK wurde "gezwungen"
Laut dem Gouverneur der Provinz Agri sei die PKK "gezwungen" gewesen, die Verschleppten auf dem Gipfel eines Berges zurückzulassen und zu fliehen. Türkische Sicherheitskräfte hätten die Geiseln entdeckt, so Mehmet Cetin. "Unser Ziel war es, ein Verschleppen der Geiseln durch die Terroristen über die Grenze zu verhindern", sagte er. Dies sei mit einem starken Militäreinsatz gelungen. Türkische Einheiten hätten die ganze Region umstellt, so dass die Entführer mit ihren Geiseln in der Falle waren, meinte Cetin.

"Wir haben entschieden, dass die Geiseln gehen dürfen", sagte dagegen PKK-Sprecher Ahmed Danas dem "Spiegel Online". Die Verhandlungen zur Freilassung hätten zwei kurdische Organisationen aus der Türkei geführt. Die PKK kündigte via der prokurdischen Nachrichtenagentur Firat noch Einzelheiten zur Freilassung an.

Die drei Bergsteiger waren aus ihrem Basislager auf dem Berg Ararat (türkisch Agri) im Grenzgebiet zum Iran und zu Armenien von einem PKK-Kommando entführt worden. In einer über Firat verbreiteten Erklärung der PKK-Führung hatte es geheißen, die Tat sei eine Reaktion auf die kurdenfeindliche Politik der deutschen Bundesregierung wie etwa das Verbot des Kurden-Fernsehsenders Roj-TV.

PKK hat sich verrechnet
Tatsächlich hat sich die PKK mit der Verschleppung gehörig verrechnet. So forderte sie ein Ende der türkischen Militäreinsätze, doch türkische Soldaten verstärkten ihre Razzien noch und töteten binnen weniger Tage mehrere Dutzend PKK-Leute. In Deutschland, wo die PKK seit 1993 verboten ist, dürften sich nach der Verschleppung nun jene bestätigt fühlen, die nicht an der Einstufung der PKK als terroristische Gruppierung rütteln wollen.

Die bayerische Landesregierung etwa dankte auch den türkischen Stellen. Ohne ihre "konstruktive Mitarbeit" wäre eine "so schnelle Beendigung der Geiselnahme nicht möglich gewesen". Zwar stehe jetzt die Freude im Mittelpunkt; es dürfe aber nicht ausgeblendet werden, dass die Entführten Opfer einer terroristischen Aktion geworden seien.

Kritik innerhalb der PKK
Selbst in der PKK hat es an der Verschleppung der Bergsteiger Kritik gegeben. So hat sich die PKK-Spitze von der Aktion distanziert und sie als Tat einer einzelnen Gruppe charakterisiert. Türkische Quellen berichteten zudem über einen Machtkampf in der PKK als möglichen Hintergrund. Drahtzieher der Tat sei der PKK-Anführer Fehman Hüseyin, ein syrischer Kurde, der aus dem Nordirak heraus operiert. Dieser habe um seinen Platz innerhalb der PKK-Führung gefürchtet und die Deutschen als internes Druckmittel missbraucht. Skeptiker meldeten Zweifel an der Version eines Alleinganges an und verwiesen auf die streng hierarchische Struktur der PKK. (apa/red)

20.7.2008 17:31