Sonntag, 13. Juli 2008

Geremek prägte Demokratiebewegung: Ideologe der Solidarnosc und Außenminister

  • In den 80er Jahren kämpfte er an Walesas Seite
  • Als Diplomat um Versöhnung mit Deutschland bemüht

Der verstorbene Bronislaw Geremek prägte die polnische Demokratiebewegung in den 80er Jahren und gestaltete sein Land nach der demokratischen Wende in herausragenden Positionen mit - in den Jahren 1997 und 2000 als Außenminister seines Landes. Der Historiker mit Schwerpunkt Mittelalter-Kunde galt als Vertreter des linken Flügels unter den polnischen Dissidenten.

Geremek stammte aus einer jüdischen Familie, sein Vater wurde im Konzentrationslager Auschwitz getötet. Er selbst konnte als Elfjähriger aus dem jüdischen Ghetto seiner Heimatstadt Warschau fliehen. Über die Erlebnisse aus dieser Zeit sprach der spätere Politiker kaum. "Was würde das mit Ihnen anstellen, wenn Sie um sich herum nur Tod sähen", fragte er einmal einen Journalisten, als jener auf die Zeit im Ghetto zu sprechen kam.

Geremek schloss die Universität in Warschau ab und verbrachte danach zwei Jahre an der Ecole Pratique des Hautes Etudes in Paris. Von da an blieb er mit Frankreich verbunden. Zwischen 1960 und 1965 lehrte neben seiner Tätigkeit in der Polnischen Akademie der Wissenschaften an der Sorbonne und leitete das dortige Zentrum für polnische Kultur. In seinem Heimatland konnte er wegen seiner Tätigkeit als Oppositioneller erst ab 1989 als Professor wirken.

In seiner Jugend war Geremek überzeugter Kommunist, er gehörte der staatlichen Jugendorganisation "Bündnis der jungen Kämpfer" an. Dort, im Warschauer Stadtteil Zoliborz, lernte er seinen späteren Mitstreiter um ein demokratisches Polen Jacek Kuron kennen. Aus der Staatspartei PZPR trat Geremek 1968 aus - als Reaktion auf die Niederschlagung des sogenannten Prager Frühlings.

Geremek gehörte zwar schon in den 70er Jahren zu den regimekritischen Kreisen in Polen. Eine führende Rolle übernahm er aber erst mit der Gründung der unabhängigen Gewerkschaft "Solidarnosc" (Solidarität) 1980. Beim ersten landesweiten Gewerkschaftstag 1981 saß Geremek der Programm-Kommission vor, später arbeitete er eng mit dem Solidarnosc-Vorsitzenden Lech Walesa zusammen. Dabei steuerte er das intellektuelle Gerüst zum Freiheitskampf bei, Walesa die politische Tatkraft. Geremek wurde mehrmals verhaftet, unter anderem kurz nach der Ausrufung des Kriegszustandes 1981.

Bei den Gesprächen am Runden Tisch zwischen Opposition und kommunistischer Regierung galt Geremek, der sich den Polen als Mann mit Vollbart und Pfeife einprägte, als Architekt des friedlichen Übergangs zur Demokratie. Nach 1989 wurde er zu einem der führenden polnischen Politiker.

Er formte die "Freiheits-Union" (bis 1994 "Demokratische Union"), die sich als linksliberale, entschieden marktwirtschaftlich orientierte Partei positionierte und mit dem ersten polnischen Premier Tadeusz Mazowiecki verbunden war. Als die "Freiheits-Union" 1997 eine Regierungskoalition mit der Partei "Aktions-Bündnis Solidarnosc" bildete, wurde Geremek Außenminister. Er bemühte sich um eine Aussöhnung mit Deutschland und sprach von einer "Beziehung ohne Ressentiments" als seinem Ziel.

2001 erlitt die "Freiheits-Union" eine schwere Wahlniederlage, und es wurde stiller um Bronislaw Geremek. Als Europa-Abgeordneter stellte er sich in den vergangenen Jahren gegen die Politik der rechtskonservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) und des Präsidenten Lech Kacyznski. So weigerte sich Geremek, dem von der PiS forcierten Lustrations-Gesetz nachzukommen, das unter anderem Abgeordnete zu einer erneuten Erklärung über ihre Vergangenheit im kommunistischen Polen zwingen sollte.

(apa/red)

13.7.2008 20:02