Montag, 14. Juli 2008

conText: Quo vadis, Sprössling Europas?
Kommentar zum "Boom" Jugendkrimineller

  • Erschütternde Ereignisse, bedenkliche Statistiken
  • Lösungen im Netz des Anachronismus verhangen

Steyr, 8. Juli 2008: Nach dem tragischen Tod eines 16-jährigen Mädchens stellte sich heraus, dass auch ein 18-jähriger Bursche am Konsum von Suchtmitteln, Medikamenten und Alkohol gestorben ist. Innsbruck, 6. Juli 2008: Ein 16-jähriger Tiroler liefert sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei auf einem gestohlenen Motorrad. Laut Polizei beging der Bursche, der mit stark überhöhter Geschwindigkeit und einem 15-jährigen Freund am Sozius flüchtete, mehrere schwere Verkehrsdelikte. Ein Alkotest ergab 1,24 Promille. Wien, 4. Juli 2008: Eine 45-jährige Frau wurde in einem Park in Wien-Ottakring von einem unbekannten 16-Jährigen mit einem Messer attackiert. Die Frau erlitt eine 25 Zentimeter lange Schnittverletzung am linken Unterarm und wurde ins Spital gebracht. „Jugend forscht“?

Kaum ein Tag vergeht in Österreich, an dem sich ein Minderjähriger nicht mit einer ernsthaften Schlagzeile in der traurigen Rubrik des Alltags verewigt. Das Ende der Fahnenstange? Mitnichten: Die jüngst veröffentlichte Kriminalstatistik für das erste Halbjahr 2008 beziffert den Anstieg der Gesetzeskonflikte Zehn- bis Vierzehnjähriger mit satten 30 Prozent. Spätestens jetzt sollten alle Alarmglocken der Jugendpolitik zu schrillen beginnen.

Wien - München - London
Da mag es nur ein schwacher Trost sein, dass es sich in anderen Städten Europas nicht viel anders verhält. London, 4. Juli 2008: Ein 16-Jähriger starb, nachdem er am helllichten Tag auf der Straße im Süden Stadt zahlreichen Messerstichen erlegen ist. Shakilus T. ist der 18. von mittlerweile 20 Jugendlichen, die seit Beginn des Jahres in London umgebracht wurden. Bereits gegen Ende des Vorjahres ging auch durch die deutschen Schlagzeilen ein Schock, als ein 17- und ein 20-Jähriger mit dem Krankenhausreifschlagen eines Pensionisten eine Serie von U-Bahn-Schlägereien Jugendlicher in München initiierte. Immerhin: Die Problematik gewalttätiger Jugendlicher scheint keine österreichspezifische zu sein.

"Big Brother" als Rettungsanker?
Tiefgreifende Maßnahmen gegen die Misere scheinen den Horizont der Politik hierzulande noch nicht wirklich erreicht zu haben. Die neu designierte Innenministerin Maria Fekter reagierte recht technokratisch nach dem Bekanntwerden der Kriminalstatistik: Zwar betonte sie, dass man das Entstehen krimineller Karrieren verhindern müsse, bedauerte allerdings, dass die Einrichtung von Videoüberwachung an Schulen von der Datenschutzkommission abgelehnt wurde. Bei diesem Einwand zwängt sich einem der Gedanke der panischen Reaktion auf, die uns seit dem 11. September 2001 ein Korsett der ausufernden Fehlkontrolle über den Großen Teich geschwemmt hat. Aber sind Europas Kinder wirklich die nächste Generation von Terroristen?

Bereits im Mai dieses Jahres brachte sich dafür ÖVP-Generalsekretär Hannes Missethon mit einem sozialeren wenngleich kurzsichtigeren Lösungsvorschlag ein, der im deutschen Hessen schon zum Einsatz kommt: Dort sollen straffällig gewordene Jugendliche den Weg in den normalen Alltag mit der Teilnahme an einem Boxcamp wieder „einschlagen“. Wie treffend. Aber streng genommen sollte es gezielte Prävention doch erst gar nicht dazu kommen lassen, dass sich Jugendliche als Bewährungsauflage den Reiz des Verbotenen aus dem Kopf schlagen müssen. Vom amerikanischen Vorbild der Boot-Camps ganz zu schweigen. Und in London? Dort sagt Scotland Yard den Jugendlichen den Kampf mit Razzien an. Ob tausende vorübergehend festgenommene Verdächtige und über 700 beschlagnahmte Messer ein Puzzleteil der Lösung sind, darf stark bezweifelt werden.

"Big Parents" vermisst
Natürlich ist es weitaus schwieriger, die Familie beziehungsweise die elterliche Institution als grundlegenden Baustein der Gesellschaft zur Debatte zu stellen. Erstens müsste man erschütternderweise eingestehen, ein Zeitalter ausrangierter „Kindergeld-Lieferanten“ und Schlüsselkinder in Betracht zu ziehen, wo der Nachwuchs in ein anachronistisches Schulsystem geschickt und höchstens mit weitgehend falscher Technik ruhiggestellt wird, damit die erwachsene Gesellschaft in Ruhe um ihre finanzielle Existenz rudern kann. Zweitens würde dieses Eingeständnis Politiker in Europa vor ein Problem stellen, das sich weder mit kurzfristigen Aktionen und schon gar nicht mit kurzatmigen Wahlkampfversprechen lösen lässt.

Ob die Zukunft Europas auf das Herumschieben von Zahlen oder Bestimmungen beschränkt bleibt, mag an dieser Stelle im einem Elfenbeinturm Brüssels stehenbleiben. Jedenfalls wird fleißig von einer Baustelle zur nächsten gerudert, während die zukunftssicherndste hinter unserem Rücken ins Schwanken zu geraten scheint: Unsere Kinder. (Benjamin Brandtner)

14.7.2008 09:29