Donnerstag, 3. Juli 2008

Großes Zittern vor Zinserhöhng der EZB: Experten warnen vor Konjunktur-Dämpfung

  • Trichet will Kampf gegen Inflation weiter verstärken
  • Auch Gewerkschaften üben Kritik an Haltung der EZB

Unmittelbar vor der erwarteten Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank sind die warnenden Stimmen von Konjunkturexperten und Gewerkschaften lauter geworden. Wegen der Abkühlung der Wirtschaft sorgen sie sich um ein Abwürgen der Konjunktur durch höhere Zinsen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund nannte eine Zinsanhebung "reines Gift für die Konjunktur", das hunderttausende Arbeitsplätze im Euro-Raum kosten werde.

Nach Einschätzung von Ökonomen ist die Wirtschaft bereits in schwierigem Fahrwasser - höhere Zinsen könnten den Abschwung verstärken. Die EZB hat im Kampf gegen die rasante Inflation für heute eine Anhebung des Leitzinses im Euro-Raum von 4,0 auf 4,25 Prozent signalisiert. Gegen die massive Kritik verteidigte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet den Kurs und warnte vor Nachlässigkeit im Kampf gegen die Teuerung.

Gefahr der Explosion der Inflation
"Wir Notenbanker tragen eine große Verantwortung. Wenn wir nicht entschlossen sind, besteht das Risiko, dass die Inflation explodiert", sagte Trichet der Wochenzeitung "Die Zeit". "Wenn wir entschieden handeln, dann können wir die Situation meistern." Das Gespräch wurde nach Angaben der "Zeit" bereits am 23. Juni geführt. Höhere Zinsen machen Kredite teurer und helfen im Kampf gegen die Inflation, die im Euro-Raum im Juni mit 4,0 Prozent auf den höchsten Stand seit Einführung des Euro am 1. Jänner 1999 geklettert war.

Zugleich bremsen höhere Zinsen aber auch das Wirtschaftswachstum. Dabei sind die Aussichten für die Euro-Zone, aber auch für die deutsche Konjunktur zuletzt schlechter geworden. "Der Abschwung ist da. Er ist nur noch nicht ausgeprägt", sagte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, der "Saarbrücker Zeitung". Nach einem Wachstum von zwei Prozent in diesem Jahr erwarte er nur noch ein Prozent plus im kommenden Jahr. "Das ist so nah an Stagnation, dass man kaum mehr behaupten kann, sie wäre vermieden". 2007 hatte die Wirtschaft um 2,5 Prozent zugelegt, für dieses Jahr erwartet die Bundesregierung 1,7 Prozent.

Kritik der Gewerkschaften
Der DGB verstärkte seine seit Wochen anhaltende Kritik. "Wenn die EZB an der Zinsschraube dreht, wird das in der Eurozone hunderttausende Jobs vernichten", sagte DGB-Chefökonom Dierk Hirschel dem "Münchner Merkur". Zudem würden die Notenbanker ihrem Ziel der Inflationsbekämpfung mit einem Zinsschritt nicht näher kommen, weil weltweit die Nachfrage nach Energie und Lebensmitteln hoch bleibe und die Teuerung anheize. "Die EZB kämpft gegen Windmühlen." Auch der deutsche, sozialdemokratische Finanzminister Peer Steinbrück hatte seine Warnung vor möglichen negativen Folgen einer Zinserhöhung im Euro-Raum mehrfach bekräftigt. Die Europäische Notenbank ist politisch unabhängig.

Vor weiteren Zinsschritten - die bisher von der EZB noch nicht angedeutet wurden - warnte das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. "Wird die Zinsschraube fester angezogen, könnte das für Europa eine Katastrophe bedeuten, ein Abgleiten in die Rezession", sagte IMK-Direktor Gustav Adolf Horn der "Passauer Neuen Presse".
(apa/red)

3.7.2008 09:29