Iranangriff brächte Wirtschaft ins Wanken: Verdoppelung des Ölpreises wird befürchtet
- Blockade der Erdölroute als scharfe Waffe des Iran
- Simulation errechnete wirtschaftliche Szenarien

Als der israelische Vizepremier Shaul Mofaz vor kurzem einen Angriff auf iranische Atomanlagen als unvermeidlich bezeichnete, schoss der Ölpreis um neun Prozent auf neue Rekordhöhen. Die Ölexporteure einschließlich des Iran strichen satte Extragewinne ein. Wenn schon Worte solche Folgen haben, fragt man sich, was geschieht, wenn der Iran tatsächlich angegriffen wird. Eine Vorstellung davon liefert eine Computer-Simulation, die die Heritage Foundation angestellt hat.
Die Experten der konservativen US-Denkfabrik gingen davon aus, dass der Iran in diesem Fall eines seiner schärfsten Mittel anwenden und vor seiner Küste die Straße von Hormuz sperren wird, über die 90 Prozent des im Golf geförderten Öls verschifft werden. Die Folgen wären dramatisch: In diesem Fall sei mit einer Verdoppelung des Ölpreises zu rechnen, einer zweieinhalbjährigen Depression der US-Wirtschaft, dem Verlust von einer Million Arbeitsplätze und dem Rückgang der verfügbaren Einkommen um mehr als 260 Milliarden Dollar.
Veraltete Daten
Die Mitarbeiter der Heritage Foundation fütterten ihre Computer allerdings noch mit Daten aus der guten alten Zeit, als das Barrel Rohöl 65 Dollar und die Gallone Benzin 2,80 Dollar kosteten. Mittlerweile müssen für das 159-Liter-Fass Öl etwa 135 Dollar und 3,8 Liter Sprit 4,08 Dollar berappt werden. Nicht untersucht haben die Experten die Folgen einer Schließung der Straße von Hormuz auf die Volkswirtschaften Japans, Indiens, Südkoreas und Chinas, die ebenfalls am Öltropf aus der Golfregion hängen.
Die über die wirtschaftlichen Schmerzen hinausgehenden Folgen eines Angriffs sind ebenso unabsehbar. Eine der unbeabsichtigten Konsequenzen der US-Invasion im Irak war eine Stärkung des Iran in der Region. Die Islamische Republik kann über die Hisbollah im Libanon und die Hamas im Gaza-Streifen Stellvertreterkriege führen und hat es zugleich in der Hand, im Nachbarland Irak die Gewalt der mit ihr verbündeten Schiiten eskalieren oder deeskalieren zu lassen.
Region in Feuerball verwandeln
IAEA-Chef Mohamed ElBaradei hat ein militärisches Vorgehen im Atomstreit mit dem Iran als "aberwitzige Vorstellung" bezeichnet. Sie würde die Iraner hinter ihrer Führung scharen und die Region in einen Feuerball verwandeln, warnt der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde. So bald sich der Rauch verzogen habe, könnte der Iran im Schnelldurchlauf den Bau einer Atombombe unternehmen. Kompliziert wird die Debatte über den Atomstreit durch die bei etlichen Politikern in den USA und Israel vertretene Annahme, die iranische Führung handle irrational. Es gebe die starke Einschätzung, dass die Iraner so lebensmüde und zum Martyrium bereit seien, dass ihnen nicht getraut werden könne, sagt der Iran-Experte Gary Sick von der Columbia-Universität.
In Israel ist die These der iranischen Unberechenbarkeit auch 2004 in einem Bericht an den damaligen Ministerpräsidenten Ariel Sharon verfochten worden. Daraus wurde das Recht zum Präventivschlag abgeleitet, weil die iranische Führung "irrational" sei und den Selbsterhaltungstrieb gering achte. Diese Einschätzung ist allerdings nicht Allgemeingut. "Vor allem anderen sind die iranischen Führer am Machterhalt interessiert", konstatiert etwa der Iran-Experte Mehrzad Boroujerdi von der Syracuse-Universität im US-Staat New York.
(Bernd Debusmann/Reuters)










