Enormer Druck für chinesische Athleten: Platz eins der Medaillienwertung erwartet
- 600 Sportler aus China sollten besser viel gewinnen
- In Paradedisziplinen hinkt Gastgeber etwas hinterher

·Pekinger Medaillen glänzen gut mit Jade
Emblem "Chinesisches Siegel, tanzendes Peking"
·Olympia in Peking
"eine Welt, ein Traum"
Gleich fünf Maskottchen
gibt es bei Olympia 2008
·GRAFIK: Olympische
Sportstätten in Peking
Vom "Vogelnest" bis hin zur Ying Tung Halle
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Auf einmal herrschte eisige Stille im neuen Pekinger Olympiastadion. Chinas Paradeathlet Liu Xiang, von den tausenden Zuschauern gerade noch frenetisch bejubelt, hatte ausgerechnet bei seinem ersten Antreten im "Vogelnest" einen Fehlstart produziert. "Ich habe es nicht absichtlich gemacht", flehte der Hürden-Weltrekordler nach dem misslungenen Olympiatest Ende Mai bei seinen Landsleuten um Vergebung. "Ich hoffe, dass sich im Vogelnest mein Traum zum zweiten Mal erfüllen wird", sprach Liu aus, was ganz China im August von ihm erwartet: Ein zweites Olympia-Gold im Hürdensprint nach Athen 2004.
Wenige Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele in Peking scheint der auf den 600 chinesischen Athleten lastende Druck schier unerträglich. Viele Chinesen rechnen fix damit, dass ihre Sportler beim Heimspiel Platz 1 in der Nationenwertung erobern werden. In Athen war China mit 32 Goldmedaillen noch knapp hinter den USA (36 Medaillen) auf dem zweiten Platz gelandet. Die kommunistische Führung Chinas soll sogar ein Geheimpapier ausgearbeitet haben, in dem die in Peking zu gewinnenden Medaillen - insgesamt 119 - genau aufgelistet werden.
Das Problem dabei: Ausgerechnet in jenen Disziplinen, wo am meisten Medaillen vergeben werden wie Leichtathletik und Schwimmen, hinkt China der führenden Sportnation USA hinterher. Ein Pekinger Sport-Spitzenfunktionär musste kürzlich einräumen, dass das "Projekt 119 Medaillen" gescheitert sei, weil die geplanten Leistungssteigerungen nicht eingetreten seien. In der Leichtathletik sei Hürdensprinter Liu der einzige Goldanwärter, und selbst der läuft heuer hinterher.
Noch nicht "on top"
Die Sportnation China hinkt ihrem Status als bevölkerungsreichstes Land der Erde und aufstrebende Wirtschaftsmacht deutlich nach. Als China 1984 erstmals bei Olympia antrat, wurde das bescheidene Ziel von einer Goldmedaille ausgegeben. Die Chinesen treiben im internationalen Vergleich nur wenig Sport, erklärt Guan Jun von "Sports Illustrated China". Immer wieder wurde der chinesische Sport zudem von Dopingskandalen erschüttert. Bei den Asienspielen 1994 wurden sieben Schwimmer des Dopings überführt und erst vor zwei Jahren wurden Trainer einer chinesischen Sportschule in flagranti beim Dopen ihrer Schützlinge erwischt.
Dazu kommen merkwürdige Episoden wie die Läuferinnen-"Armee" des Trainers Ma Junren, dessen Läuferinnen Anfang der 1990er Jahre die Weltrekorde über 1.500, 3.000, 5.000 und 10.000 m pulverisierten. Ma beteuerte, die Leistungsexplosion sei auf die Verabreichung einer Suppe aus Schildkrötenblut zurückzuführen gewesen. Man darf gespannt sein, ob es im August ähnliche Überraschungserfolge von Sportlern aus dem Reich der Mitte geben wird. Dass mehr als 60 chinesische Leichtathleten beim Olympia-Test im Pekinger Nationalstadion persönliche Bestleistungen aufstellten, lässt viele Beobachter misstrauisch werden.
Hoffentlich ohne Doping
Der Abschied vom "Projekt 119 Medaillen" zeigt jedoch das Dilemma, in dem sich die kommunistische Führung Chinas vor dem Olympia-Heimspiel befindet. Sie muss den "Goldhunger" der eigenen Bevölkerung stillen, um den geplanten Propagandaerfolg einfahren zu können. Tut sie dies aber mit unlauteren Mitteln wie Doping, wäre nicht nur das internationale Echo verheerend.
Nicht gerade leichter ist die Aufgabe für die chinesischen Sportler durch das Erdbeben in Sichuan geworden. Der Pekinger Sportpsychologe Zhang Liwei warnte in der Tageszeitung "China Daily" vor einem Zusammenbruch vieler chinesischen Athleten, nachdem auch sie das Beben mit seinen Zehntausenden Opfern psychisch schwer belastet habe.
"Die Trainer sollten das körperliche Training verringern, um die Verletzungsgefahr durch mangelnde Konzentration zu verringern", empfahl Zhang, der die gestressten Athleten nun in einer Doppelmühle sieht. Der gesellschaftliche Druck, sportliche Höchstleistungen zu erbringen, sei nämlich "nach dem Beben noch größer geworden". (apa/red)