125. Geburtstag des Schriftstellers Kafka:
Er war surreal, aber keineswegs weltfremd
- Führte ein Leben zwischen Versicherung und Sprache
- Bücher, die mit Faustschlag auf den Schädel wecken

·Wertvoller Kafka-
Brief in Prag entdeckt
Einziges Dokument über seine Liebesbeziehung
·Mit seiner Sprache schuf er ganze Welten
Kafka - ein Schriftsteller der unter die Haut geht
·Kafka und Prag - Ein unzertrennliches Paar
Vom abgelehnten Autor zu Denkmälern & T-Shirts
·Kafka ist für Schüler wie Rätselknacken
Das Fantastische an den Werken wirkt anziehend
·Menschen zwischen Isolation und Zwang
Kafkas Werke - von "Das Urteil" bis zu "Amerika"
·Kafka-Biograf Reiner Stach im Interview
"Text mit voller Absicht mehrdeutig geschrieben"
Dreimal Goethes Gartenhaus: Akkurat gestickt von Franz Kafkas zweimaliger Verlobter Felice Bauer. Sorgfältig skizziert von Max Brod, Kafkas Freund, späterem Testamentsverweigerer und Herausgeber. Und schließlich gezeichnet von Kafka selbst, weder akkurat noch sorgfältig, sondern verfremdet und irgendwie beunruhigend. Kafka verunsichert - mit seinen Zeichnungen, mit dem ernsten, intensiven Gesichtsausdruck auf den Fotos, vor allem mit seiner Literatur. Vor 125 Jahren, am 3. Juli 1883, wurde der Schriftsteller geboren; er starb im Alter von 40 Jahren 1924.
Beschaulichkeit lag Kafka nicht. "Die Leser von anheimelnder Literatur sind bei ihm schlecht aufgehoben", sagt der Kafka-Kenner, Publizist und Verleger Klaus Wagenbach, aber anheimelnd müsse Literatur ja auch nicht sein. Das fand auch Kafka. "Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? (...) Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns", schrieb er in einem Brief.
Verstörende Bilder
Kafka hat uns so manche Axt geliefert. "Die Verwandlung" zum Beispiel, in der Gregor Samsa erwacht und sich in ein Ungeziefer verwandelt findet. "Das Urteil", in einer einzigen Nacht geschrieben, über einen Vater, der seinen Sohn zum Tod durch Ertrinken verurteilt. Kafka erfand den Affen, der über seine Menschwerdung berichtet. Und er schrieb winzige Geschichten, hochverdichtet und meist verstörend, wie der eine Satz: "Ein Käfig ging einen Vogel suchen."
Franz Kafka, das älteste Kind einer deutschsprachigen jüdischen Kaufmannsfamilie, wurde in Prag geboren. Das Leben der Kafkas war geprägt vom "Geschäft", in dem Schirme, Spazierstöcke, Handschuhe, und andere "Galanteriewaren" verkauft wurden. Es bescherte den Lebensunterhalt und den allmählichen sozialen Aufstieg. Kafka wirkt wie eingeklemmt in dieses Leben. Schreibtisch und Bett standen im bescheidenen Durchgangszimmer zwischen dem Elternschlafzimmer und der guten Stube. Seine drei Schwestern teilten sich einen Raum.
Jusstudium
Nach der Matura studierte Kafka Jus. Für einen Moment lag zwar die Idee der Befreiung in der Luft, ein Germanistikstudium in München nämlich. Aber er blieb doch in Prag und promovierte, knapp 23 Jahre alt, zum Doktor juris. Da hatte er längst zu schreiben begonnen, die "Beschreibung eines Kampfes" und die "Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande". 1908 veröffentlichte er die ersten Prosastücke in einer Zeitschrift, 1912 schrieb er "Das Urteil" und "Die Verwandlung", und 1913 kam das Bändchen "Betrachtung" heraus. Zugleich machte er Karriere als Jurist bei der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt".
Die zwei Leben des Franz Kafka
Zwei Leben: Von 8.00 bis 14.00 Uhr befasst sich Kafka mit Arbeitsunfällen in Fabriken und wie sie zu verhindern wären. Er plädiert für die Einführung runder Wellen in Hobelmaschinen statt der gefährlichen Vierkantwellen und schlägt sich mit Fabrikanten herum, die sich gegen die Versicherungsbeiträge wehren. Und nachts, wenn die Wohnung endlich ruhig geworden ist, schreibt er seine Geschichten.
Welches Leben sein eigentliches ist, steht für ihn fest, aber seinen Eltern hätte er es nie begreiflich machen können: "Er hat das Bewusstsein gehabt, dass er in der Sprache lebt. Die Sprache war sozusagen sein Sauerstoff, sein Lebensstoff", sagt sein Biograf Reiner Stach. Schreiben war seine Berufung, fast eine Sucht. (apa/red)
