Montag, 30. Juni 2008

Schlussworte im Bawag-Prozess: Elsner gibt Flöttl Hauptschuld an den hohen Verlusten

  • "Mein größter Fehler war, Flöttl vertraut zu haben"
  • Die Urteile in allen Fällen werden für Freitag erwartet

Der Hauptangeklagte im Bawag-Prozess, der ehemalige Generaldirektor Helmut Elsner, hat in seinem Schlusswort Fehler eingestanden. Aber nur den Fehler, Wolfgang Flöttl vertraut zu haben. Sein eigenes Vorgehen im Zusammenhang mit den hohen Verlusten der Bank hat er verteidigt. Die ganze Anklage sieht er politisch motiviert: "Meine Vorstandskollegen und ich sitzen nur hier, weil die Bawag dem ÖGB gehört." Das Urteil wird für Freitag erwartet.

"Der größte Fehler in meinem Leben war, Dr. Flöttl vertraut zu haben. Heute weiß ich, dass das falsch war", sagte Elsner, der vermutlich zum letzten Mal in der Mitte des Gerichtssaals gegenüber von Richterin Claudia Bandion-Ortner Platz nahm. Er habe es aber nie für möglich gehalten, dass es zu namhaften Verlusten komme.

Die Bawag habe von 1995 an, ab der Wiederaufnahme der Geschäfte mit Flöttl, bis zum Jahr 2000 das Risiko der Verträge mit Flöttl falsch eingeschätzt, dieser falschen Einschätzung seien aber auch das Finanzministerium und die Nationalbank unterlegen, sagte Elsner in seinem etwa halbstündigen Schlusswort, das er weitgehend vorlas. "Die Bawag hat damals nicht durchschaut, dass die Risikobegrenzung nicht reicht und die Verpfändung deswegen keinen Wert besitzt", sagte Elsner. Die BAWAG wurde von 1995 bis 2003 von Elsner geführt.

Schuldzuweisung an Flöttl
Sein Vertrauen in Wolfgang Flöttl sei aber dadurch gestärkt gewesen, dass dieser aus der Familie des Generaldirektors Walter Flöttl stammte, dessen Lebensinhalt die Gewerkschaftsbank gewesen sei. "Ich hätte mir nie erwartet, dass Flöttl der Gewerkschaftsbank schaden könnte", meinte Elsner. Er sehe es heute natürlich als "Fehler" an, die Geschäfte 1995 wieder aufgenommen zu haben. "Dass ich ihm geglaubt habe, war sicherlich aus heutiger Sicht ein Fehler. Ich habe es damals aber nicht für möglich gehalten, dass Flöttl alles auf eine Karte setzt."

Im Nachhinein Fehler eingestanden
Nach dem ersten großen Verlust 1998 habe er Flöttls Angaben über die Ursache der Verluste vertraut, "zumal er sich mit den Verlusten in guter Gesellschaft befunden hat", so Elsner. Nur das Vertrauen in Flöttl sei der Grund gewesen, nach den Verlusten 1998 wieder neue Geschäfte mit ihm einzugehen. "Hätten wir die wahre Ursache der Verluste erhoben, hätten wir ihm sicher kein Geld mehr gegeben", sagte Elsner: In der "ex-post-Betrachtung", also im Nachhinein, sei es ein Fehler gewesen.

Wahnsinnige, die einem Wahnsinnigen vertrauten
Die ganze Anklage gegen ihn sieht Elsner politisch begründet, und zwar wegen des früheren Eigentümers der Bawag: "Meine Vorstandskollegen und ich sitzen nur hier, weil die Bawag dem ÖGB gehört", so Elsner. "Ich verlange Gleichbehandlung für mich mit all den Vorstandskollegen rund um die Erde, deren Unternehmen mehr als 1.000 Mrd. Dollar verloren haben." In keinem einzigen Fall sei ein Strafverfahren geführt worden, und wenn sei es zu Freisprüchen gekommen

"Aus heutiger Sicht entsteht der Eindruck, dass wir Wahnsinnige waren, die einem Wahnsinnigen vertraut haben", meinte Elsner in Hinblick auf die Geschäfte mit Flöttl. Er habe den Präsidenten des ÖGB, damals Fritz Verzetnitsch, und den Aufsichtsratspräsidenten und ÖGB-Finanzchef Günter Weninger über die Verluste informiert. Verzetnitsch und Weniger hätten immer alles unternommen, um der Bank zu helfen. "Ich bin Weninger nicht böse für seine Angriffe", daran sei wohl dessen Anwalt Richard Soyer schuld. Weninger hatte im Prozess mehrmals Elsner vorgeworfen, ihn getäuscht und hintergangen zu haben.

Vorstände seien "falsch informiert" gewesen
In ihren Schlussworten haben die mitangeklagten Ex-BAWAG-Vorstände Christian Büttner, Hubert Kreuch und Josef Schwarzecker hervorgehoben, sie seien falsch und unvollständig informiert worden und seien für die Sondergeschäfte mit Wolfgang Flöttl nicht zuständig gewesen. Der frühere langjährige Wirtschaftsprüfer der BAWAG, Robert Reiter, betonte, er habe die Bank nie schädigen wollen. Die Verteidiger aller vier haben für Freisprüche plädiert. Allen wird von der Anklage Untreue und Bilanzfälschung bzw. Beihilfe dazu vorgeworfen.

Nach den Schlussworten hat sich das Gericht zur Beratung zurückgezogen. Das Urteil wird für Freitag erwartet.
(apa/red)

30.6.2008 13:21