Montag, 23. Juni 2008

Mit dem Wasserstand steigen die Preise: Fluten in den USA heizen Inflation weiter an

  • Vernichtete Ernte treibt Preise von Mais und Soja an
  • Weitreichende Wirkung auch auf andere Sektoren

Wasser - so weit das Auge reicht. Zahllose Bauern im US-Bundesstaat Iowa und entlang des Mississippi brauchen angesichts der verheerenden Fluten derzeit eher Boote statt Traktoren, wenn sie ihre Felder besuchen - oder das, was davon übrig ist. Vernichtete Ernten treiben die ohnehin schon rasant gestiegenen Preise für Mais oder Soja noch höher. Und die Leidtragenden der Überschwemmungen sind nicht nur die Landwirte: Ob im Supermarkt oder an den Zapfsäulen, sind sich Experten sicher, werden die Überschwemmungen im Mittleren Westen - der Kornkammer des Landes - die wirtschaftlich bereist gebeutelten Amerikaner über kurz oder lang noch tiefer in die Tasche greifen lassen.

"Alles geht nach oben, immer nach oben", sagt Farmer Joe Mooney, dessen Mais- und Sojafelder in Lone Tree zwei Meter unter Wasser stehen, dem US-Sender CNN. "Das ist für niemanden gut. Es wird jeden in den USA treffen", prophezeit er. Nach vorläufigen Schätzungen der US-Regierung zogen die Fluten und andere Wetterextreme bisher mehr als 16.000 Quadratkilometer Farmland in Mitleidenschaft. Dale Mohler, Meteorologe und Agraranalyst für AccuWeather.com im State College rechnet damit, dass bis zu zehn Prozent der Mais- und Sojaernte, die für dieses Jahr erwartet wurden, verloren gegeben werden müssen.

Kurzfristige Steigerung
Kürzlich lag der Preis der Juli-Kontrakte für Mais bereits 13 Prozent über dem zwei Wochen zuvor. Und die gelben Körner stecken in weit mehr als nur Cornflakes: Maissirup wird unter anderem für Energie-Drinks und Limonaden verwendet, und auch für Soja ist das Spektrum der Einsatzmöglichkeiten riesig. Mit nach oben getrieben werden indes auch die Fleischpreise, weil gut die Hälfte des in den USA produzierten Mais' verfüttert werden. Schon drängen US-Fleischhersteller die Regierung in Washington, den vorgeschriebenen Anteil von Ethanol im Benzin zurückzufahren, der wiederum ebenfalls vor allem aus Mais gewonnen wird. "Es gibt hier große Sorgen", sagte der Sprecher der Hühnerfleisch-Lobby NCC, Richard Lobb, dem "Wall Street Journal. "Alle Firmen spüren enormen Druck."

"Die US-Konsumenten sind an günstige Lebensmittel gewöhnt", sagte Fiona Boal, Nahrungsmittel-Analystin der niederländischen Rabobank dem "Journal". "Jetzt verschiebt sich alles." Sie erwartet, dass die Preise für Lebensmittel in diesem Jahr zwischen sieben und neun Prozent steigen und auch 2009 klettern. Viehzüchter versuchen unterdessen, ihre Bestände zu verkleinern, um Verluste durch rasant gestiegene Futterkosten zu begrenzen. Manche Experten vermuten, dass es in amerikanischen Ställen in ein paar Jahren bereits zehn Prozent weniger Schweine, Geflügel und Rinder geben wird.

Auswirkung auch auf Spritpreise
Zusätzlich getroffen werden auch die Autofahrer, die wegen der Ölpreisexplosion schon seit einiger Zeit über hohe Spritkosten stöhnen. Der Grund: Wiederum das beigemischte Ethanol. Future-Kontrakte kletterten über die vergangene Woche um 17 Prozent. "Das passiert zur schlimmsten Zeit", sagt Stephen Schork, Herausgeber des Energie-Newsletters Schork Report. Allerdings könnte es sein, mutmaßen Fachleute, dass die Amerikaner den Preisschub beim Ethanol doch nicht ganz so heftig spüren: Weil sie wegen der gestiegenen Spritpreise ohnehin schon weniger fahren, könnten sich Tankstellen zurückhalten, ihre höheren Kosten einfach weiterzugeben.

(apa/red)

23.6.2008 11:20