Nach Aragones kommt Vicente del Bosque als Trainer: Kein Schnitt in Spaniens Team
- Mit del Bosque wartet bereits ein ähnlicher Charakter
- "Mister" Aragones dementiert Vertrag mit Fenerbahce

Egal, ob er nun den großen Triumph einheimst oder es doch bei einem respektablen Achtungserfolg bleibt: Luis Aragones wird nach der EURO 2008 nach eigenen Angaben nicht mehr das spanische Team betreuen. Es wurde bereits von Fenerbahce Istanbul vermeldet, dass der bald 70-Jährige einen Vorvertrag beim türkischen Traditionsverein unterschrieben habe. "Luis" dementierte dies aber noch. Wie auch immer, einen großen Schnitt dürfte es in der "seleccion" trotzdem nicht geben. Mit Vicente del Bosque steht nämlich ein ähnlicher Typ wie der aktuelle "Mister" vor der Tür.
Der oftmals brummige Aragones ist das genaue Gegenteil von seinem Semifinal-Rivalen Guus Hiddik. Der heutige russische Teamchef gilt in der Branche als Weltenbummler. Immerhin arbeitete der 61-Jährige als Spieler und Trainer nicht nur in seiner Heimat, den Niederlanden, sondern auch in den USA, Australien, Südkorea, aber auch Spanien und der Türkei. 1990/91 startete er ausgerechnet bei Fenerbahce seine internationale Trainerkarriere.
Luis Aragones wiederum verbrachte die meiste Zeit seines über 40-jährigen Fußballerlebens bei Atletico Madrid und anderen Vereinen der Primera Division. Im Ausland stand er bisher noch nie unter Vertrag. Für Hiddink ist das freilich überhaupt kein Hindernis. Er zollt Aragones "jede Menge Respekt" dafür, falls er als 70-Jähriger den Schritt nach Istanbul noch wagen sollte. "Dieser Mann muss eine Menge Energie haben. Aber wenn du als Trainer jahrelang in Spanien überlebt hast, setzt du dich überall durch."
Del Bosque war kurz bei Besiktas Istanbul
Der präsumtive Nachfolger von Aragones schaffte dies freilich ausgerechnet in Istanbul nicht. Mit zwei Champions-League-Titeln im Gepäck kam Vicente del Bosque im Sommer 2004 zu Besiktas. Nach sechs Monaten wurde er entlassen. Zwar ist der 57-Jährige ein paar Jährchen jünger als Aragones, aber trotzdem gehören sie einer ähnlichen Generation von Fußballern an. Auch sie waren bekannt und brachten ihre finanziellen Schäfchen ins Trockene, von der Glamourwelt eines Christiano Ronaldo oder David Beckham trennten sie aber Welten.
Natürlich ist das auch eine Charaktersache und diesbezüglich ist Del Bosque von Aragones nicht weit entfernt, selbst wenn er im Gegensatz zu diesem auf der Bank schon einmal Anzug statt Trainingskluft trägt. Offenbar war aber schon seine Spielweise symptomatisch für die Person: Del Bosque eroberte mit Real Madrid zwischen 1973 und 1984 in 312 Spielen nicht weniger als fünf Meistertitel und gewann viermal den spanischen Cup. Zudem trug er 18-mal den spanischen Teamdress. Der Mittelfeldspieler leistete stets ein großes Arbeitspensum, allerdings ohne groß aufzufallen.
Kein glitzernder Superstar
Den Hang zum glitzernden Superstar hatte er nämlich nicht. Ein Wesenszug, den der Mann mit dem Seehundschnurrbart später auch als Trainer seines "Weißen Balletts" nicht ablegte. Die Tageszeitung "El Pais" zeichnete damals einmal halb bewundernd, halb belustigt in einer Riesenreportage das Porträt eines Durchschnittsspaniers.
Ganz nach altem Brauch fuhr Del Bosque nach dem Vormittagstraining von Real in der Mittagspause nach Hause, um dort im Kreis der Familie zu essen. Freilich vergaß er auch nicht darauf, vorher in einem kleinen Lokal seines Wohnviertels mit ein paar Freunden und Nachbarn einen Aperitif zu nehmen. Auch die besondere Fürsorge für eines seiner Kinder, das an einer Behinderung leidet, ist ihm unendlich wichtig. Zu den "Galaktischen" bei Real Madrid passte all das aber wenig.
Beckham kam und Vicente ging
Wahrscheinlich war es daher keine zufällige Koinzidenz, dass Del Bosque Ende Juni 2003 knapp eine Woche nach der Verpflichtung von Superstar Beckham gefeuert wurde. Dabei hatte er mit Real gerade den 29. Meistertitel geholt. Und nicht nur das: Kein Trainer seit den goldenen 1950er und -60er Jahren eines Alfredo di Stefano oder Ferenc Puskas war so erfolgreich: Er gewann neben den Champions-League-Titeln 2000 and 2002, zweimal die spanische Liga (2001 and 2003), einen spanischen Supercup (2001), einen europäischen Supercup (2002) und einmal den Weltpokal (2002).
Der Trainer mit dem Image eines Biedermanns passte aber offenbar nicht mehr ins Konzept der Vereinsführung, die sich mit den "Galaktischen" einen Platz im Fußball-Olymp sichern wollte. Dabei ist seine bescheidene Zurückhaltung durchaus bewusst gewählt. "Die Siege erkämpfen die Spieler auf dem Feld", lautet eine seiner Lebensweisheiten, "sie sind auch für das Spektakel im Stadion und die Unterhaltung der Zuschauer zuständig."
Dagegen gehörten die Trainer nur in die zweite Reihe: "Es reicht, wenn sie den Journalisten nach dem Spiel kurz Rede und Antwort stehen." Bei den spanischen Teamkickern wird er allein wegen der großen Sportzeitungen in Spanien wohl schon öfters auch in der vordersten Linie stehen. Im Gegensatz zu Istanbul darf er sich beim Team aber wieder zu Hause fühlen. (apa/red)
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