24.6.2008 19:45

Einigkeit macht die Mannschaft sehr stark:
Luis Aragones' altmodische Erfolgsformel

  • "Früher hatte ich Spieler, jetzt habe ich ein Team."
  • Aragones hört nach der EM als Teamchef definitv auf

"Elf Freunde müsst ihr sein." Ein abgetakeltes Motto, das im modernen Fußball gar nichts zählt. Dazu ist dieser Sport zu schnelllebig und geschäftsorientiert geworden. Aber Spaniens Teamchef Luis Aragones darf mit fast 70 Jahren altmodisch sein. Daher legt er auf die Gemeinschaft innerhalb seines 23-Mann-Kaders, der nunmehr seit fast drei Wochen in Neustift im Stubaital für die EURO 2008 zusammengezogen ist, großen Wert. Der bisherige Erfolg gibt ihm recht.

Aragones wird nach eigenen Angaben nach der EURO auf alle Fälle sein Amt zurücklegen. Egal, wie das Turnier letztlich ausgeht. Besonders stolz wäre er, wenn er folgende Nachrede hätte: "Dass ich ein Team hinterlasse, in dem ein hervorragendes Ambiente herrscht." Seine Chancen stehen gut: Tatsächlich scheint es in der "seleccion" keine ungesunden Cliquen-Bildungen zu geben.

Ein Eigenleben baskischer oder katalanischer Spieler zum Beispiel erscheint in Neustift so undenkbar, dass gar nicht versucht wird, es zum Thema zu machen. Obwohl der Journalisten-Fortsatz von Aragones und den Seinen ständig nach einem solchen sucht.

Vermeintliche Skandale im Keim erstickt
Die Gruppendynamik betreffend haben die Kiebitze also Pech gehabt. Vermeintliche Skandale wie ein verweigerter Handschlag von Stürmer Fernando Torres gegenüber seinem "Mister" nach einer Auswechslung oder Undiszipliniertheiten von Verteidiger Sergio Ramos kamen über den Gerüchtestatus nicht hinaus. Geradezu exemplarisch blockte der sonst so pflegeleichte Kapitän Iker Casillas Fragen über das Verhalten von Ramos brüsk ab: "Es lohnt sich nicht, auch nur ein Wort darüber zu verschwenden."

Auch die Profilierung einzelner Spieler wird stets in einen mannschaftsdienlichen Kontext gestellt. "Wer die Tore schießt, ist doch egal", meint etwa Stürmer-Ass David Villa, "wichtig ist, dass die Mannschaft gewinnt." Und das klingt nicht einmal nach Koketterie, obwohl Villa mit bisher vier Toren in den drei Spielen, in denen er zum Einsatz kam, einer der Stars der Stunde ist.

"Was der Mannschaft hilft, ist gut."
Ebenso reagierte Casillas, der im Viertelfinale im Ernst-Happel-Stadion gegen Italien mit zwei gehaltenen Penaltys im Elferschießen gegen Italien von der Presse mit dem Beinamen "Prater-Spinne" geadelt wurde. Cesc Fabregas, der den entscheidenden Elfmeter gegen Italien sicher versenkte, geht mit seinem Bekenntnis zur Unterordnung sogar sehr weit: Der Arsenal-Star zeigt Verständnis, wenn er nicht mitspielen darf: "Was der Mannschaft hilft, ist gut."

Mallorca-Stürmer Daniel Güiza wiederum wurde kein Vorwurf gemacht, obwohl er im Elferschießen patzte. Fabregas: "Er hat doch gut geschossen, aber Italien hat mit Gianluigi Buffon einen Weltklasse-Tormann."

Auf den Punkt brachte es der "Mister" selbst. Er übernahm die Mannschaft nach der EURO 2004, bei der Spanien in Portugal bereits in der Gruppenphase gescheitert war. "Ich hatte damals Spieler, jetzt habe ich ein Team." Dass er Real-Superstar Raul zu Hause ließ, erinnert ein wenig an die Erkenntnis, dass nicht immer auf die "Besten" zurückzugreifen ist, sondern auf die "Richtigen". In Spanien dürfte das auch funktionieren. Immerhin steht man im Semifinale gegen Russland.

Erfolgreichster Teamchef Spaniens
Wird das Italien-Spiel als voller Erfolg dazu gezählt, selbst wenn es erst im Elfmeterschießen entschieden wurde, ist der "Weise von Hortaleza" bereits der erfolgreichste Teamchef in Spaniens Fußballgeschichte. Er hat - so gerechnet - 37 Siege auf dem Konto, einen mehr als Javier Clemente in der Zeit zwischen 1992 and 1998 verbuchen konnte. Der Baske benötigte dafür aber 62 Spiele, Aragones saß bisher 52 Mal auf der spanischen Bank.

Dass die Fans, die ihn vor der EURO oft verteufelt hatten, ihn in den Straßen von Madrid oder Wien nun in Sprechchören zum Bleiben auffordern ("Luis, quedate!") ist Aragones wohl durchaus angenehm ("Jede Anerkennung freut mich"), an seinem Entschluss, dass nach der EURO Schluss ist, wird das nach eigenen Worten ("Ich will nicht mehr darüber reden. Punktum!") nichts ändern.

Bisheriger Erfolg keine Überraschung
Für ihn kommt der bisherige Erfolg der Spanier aber nicht überraschend. Er ist vielmehr Produkt eines hartnäckigen Arbeits- und auch Lernprozesses. So habe die Mannschaft aus der WM-Endrunde in Deutschland, wo im Achtelfinale gegen Frankreich das "Aus" kam, ihre Lehren gezogen. "Damals haben wir zu fröhlich nach vorne gespielt."

Nach vorne ist das Team wohl immer noch orientiert, bloß wird die Defensive nicht mehr so vernachlässigt. Die Fans waren mit diesem rationalen Ansatz nicht immer einverstanden. Darunter litt nämlich manchmal die "Schönheit" des Spiels. Aber diese kann mitunter ja auch eine Art Todesurteil sein.

(apa/red)

CASHPOINT - Wollen wir wetten?

Click!

24.6.2008 19:45
Seite bookmarken bei: ? Hilfe
zurück zur Startseite