Donnerstag, 19. Juni 2008

Endlosschleife BAWAG-Prozess? Bei 8 der 9
Beschuldigten wird die Angklage verschärft

  • Elsner sieht Staatsanwalt als dritten Bruder Grimm...
  • ...und hält sich weiter für "klarerweise nicht schuldig"

Im Endspurt des BAWAG-Strafprozesses hat Staatsanwalt Georg Krakow am 111. Verhandlungstag eine modifizierte Fassung der Anklage mit einigen Verschärfungen präsentiert. Für acht der neun Angeklagten wurden die ihnen vorgeworfenen Schadensbeträge erhöht, lediglich beim mitangeklagten Ex-BAWAG-Vorstand Christian Büttner verringert sich der Schaden. Der Hauptangeklagte Helmut Elsner wurde erneut gegen Staatsanwalt und Richterin Claudia Bandion-Ortner verbal ausfällig.

Büttner hatte stets betont, er habe nach dem ersten großen Verlust 1998 gegen die Fortführung der Geschäfte mit Wolfgang Flöttl gestimmt, sei aber im Vorstand überstimmt worden. Laut neuer Anklage wird ihm nun ein Schaden von 351 statt wie bisher 444 Mio. Euro vorgeworfen. Büttner zeigte sich erleichtert. Beim Spekulanten Wolfgang Flöttl wurde der bisher offen gebliebene Schadensbetrag durch die UniBonds auf 430,5 Mio. Euro konkretisiert. Für Flöttl schaue es nun schlechter aus, meinten Beobachter.

Die neun Angeklagten änderten ihre Verantwortung auch betreffend der neuen Anklage nicht. Für alle gilt die Unschuldsvermutung. "Klarerweise nicht schuldig", meinte Elsner auf die Frage nach Schuld oder Unschuld und ritt neue Attacken gegen Krakow: "Der Staatsanwalt betätigt sich hier als Profijäger, er will möglichst viele Treffer landen", sagte Elsner. "Für mich hat heute Krakow gepunktet als dritter Bruder der Gebrüder Grimm", sieht er den Staatsanwalt offenbar als Märchenerzähler.

"Charakter eines Schauprozesses"
Auch gegen die Richterin erhob Elsner heute wieder Vorwürfe: "Das Ganze hat hier schon den Charakter eines Schauprozesses", sagte Elsner. Als ihn die Richterin nach einem Ski-Urlaub im Jahr 1994 in Frankreich und Reisen in die Schweiz befragte, kritisierte er: "Sie interessieren sich für meine Urlaubsfahrten, für alles Mögliche, aber nicht wo das Geld ist, das der Flöttl verjankert hat". Das Gericht hatte vor einigen Tagen einen Antrag der Verteidigung Elsners auf Öffnung von Wolfgang Flöttls Konten abgelehnt.

Als die Richterin Elsners frühere zahlreiche Funktionen und seine Vergütungen vorlas, wurde dieser verärgert: "Sie müssen schauen, dass Sie Generaldirektor werden, dass Sie das auch verdienen", forderte der Angeklagte die Richterin quasi zum Berufswechsel auf. Offenbar gehe es vor Gericht um den "Neidkomplex", meinte Elsner. Er habe immer sehr viel und sehr lange gearbeitet.

Demnächst findet noch eine letzte "reguläre" Verhandlung statt. Dann soll der Übersetzer zu Gericht kommen, damit eventuelle Übersetzungsfehler im Akt korrigiert werden können. Das Rechtshilfeersuchen an die Schweiz betreffend eines angeblichen Kontos von Elsner wird derzeit noch übersetzt. Zudem beginnen dann die Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidigern, die vermutlich bis Donnerstag dauern. Für 3. oder 4. Juli wird das Urteil erwartet. (APA/red)

19.6.2008 17:13