Freitag, 20. Juni 2008

Lebensstil wie einstmals Uschi Obermaier?
IBM-Chef Leo Steiner wohnt in "Kommune"

  • FORMAT: Spitzenmanager tankt Kraft im Wohndorf
  • Leben in Gruppe als Lehrstück für das Management

Eine neue Kommune? Mitten im beschaulichen Klosterneuburg? Die Nachbarn hatten vermutlich eine Mischung aus Uschi Obermaier und Otto Mühl'schem Kunstexperiment im Kopf, als sie Anfang der 80er-Jahre die Erdbewegungsarbeiten in der Martinstraße beobachteten. Für 16 Wohneinheiten mit allem Drumherum rollten etliche Lkws an. Leo Steiner und seine Frau müssen heute noch schmunzeln, wenn sie an das Aufsehen denken, das das alternative Wohnprojekt von Fritz Matzinger hervorrief. Der Architekt versuchte, inspiriert von Studienreisen nach Kamerun und in die Elfenbeinküste, mit der Interpretation eines afrikanischen Dorfs dem Isolationismus europäischer Großstädte zu begegnen.

Er entwarf Wohneinheiten, die über ein großes Atrium verbunden sind: die "Les Paletuviers". Für die Idee, individuell, aber doch im Kollektiv zu wohnen, begeisterte die Steiners Herbert, ein IBM-Kollege. Der schiebt, mittlerweile pensioniert, unten im Atrium eine ruhige Billardkugel. Er ist nach über 20 Jahren immer noch da, so wie die meisten Bewohner dieser WG. Steiner: "Bis auf Familiendynamiken wie Scheidungen ist die Kommune erstaunlich konstant geblieben."

Mehr Konstanten als Variablen zeichnen auch die berufliche Vita des Steirers aus. Der Mathematiker heuerte nach einem Ferialpraktikum in den 70ern bei der IBM an und stieg über die Technik, den Verkauf und die Beratung bis ins Management auf. Angst, die Welt nur durch die Big-Blue-Brille zu sehen, hat er nicht und nie gehabt. "Es spielt sich bei der IBM alles zwischen den beiden Polen Kundenorientierung und Technologie ab", sagt Leo Steiner. "Diese Verbindung ist spannend, die bleibt nie statisch. Und das regt mich seit 30 Jahren an. Zwischen diesen Polen wandere ich hin und her."

Zwingendes Herumwandern
Herumwandern ist in einem globalen Technologiekonzern wie der IBM eigentlich zwingend. Die fünf Jahre in London (1999 bis 2005), unter anderem als Europa-Chef für Webserver, brachten denn auch der Familie neue Einsichten. "Das war eine viel stärkere Familienerfahrung, als wir sie hier hatten", erinnert sich Leo Steiner. "Plötzlich waren wir, nur' mehr Vater, Mutter, Kind." Und für Tochter Kathrin, "ein überzeugtes Wohndorf-Kind", war das alles nicht nur very british, sondern erst einmal richtig fremd. "Dass wir die Wohnungstür zusperren und kein großes Straßenfest veranstalten, war für sie schwer zu verstehen", erinnert sich Steiners Frau Dagmar.

Die nächste Generation
Kinder sind beim Stamm der Wohndörfler besonders gut aufgehoben, die hatten immer einen "eigenen Status". Nicht nur, dass jeder Neuankömmling symbolisch mit einem Baum im Garten verewigt wird, waren die Spielkameraden im Wortsinne "next door". Ja sogar der eigene WG-Kindergarten ging sich in den Gründerjahren aus. So war es für Steiners kein Problem, die 18-jährige Tochter während des zweijährigen Zürich-Aufenthalts allein in der Klosterneuburger Community zu lassen. Geschaut wird dort aber nicht nur auf die, die noch grün hinter den Ohren sind, gepflegt wird auch das üppige Grün inner- und außerhalb des Wohndorfs. "Als wir nach sieben Jahren zurückkamen, waren unsere Pflanzen noch da", freut sich Dagmar Steiner. Das Mikronetzwerk funktioniert in unterschiedlichen Konstellationen und Intensitäten und reicht vom nachmittäglichen Kaffeeplausch in einer der Atrium-Nischen bis zur Gruppenreise nach Jamaika zur Hochzeit eines Wohndorf-Kindes.

Selbstverwaltung
Wer entscheidet in einer WG mit 16 Familien, die sich bis heute selbst verwaltet? "Jeder hat Aufgaben entsprechend seinen Fähigkeiten und seinem Zeitbudget übernommen", sagt Leo Steiner, dessen Mit-Hoheitsgebiet früher der Heizungskeller war. Einen Finanzminister gibt es natürlich, aber "einen CEO gibt es hier definitiv nicht", lacht er. So profane Dinge wie die Reinigung des Atriums oder Schwimmbads werden, wie in der guten alten WG, im Monatsrhythmus alternierend erledigt. Ob selber schrubben oder outsourcen, bleibt jedem selbst überlassen. Gröbere Reparaturen und wichtige Entscheidungen werden in Jours fixes kollektiv besprochen und von den Wohndorf-Chronisten Helga und Gerhard protokollarisch verewigt.

Klar, mitunter kann so viel Basisdemokratie auch nervend sein, "schließlich hat ja jeder unterschiedliche Vorstellungen und Prioritäten", sagt Steiner, der sich bei solchen Sitzungen als ausgleichend und moderierend erlebt, dann aber als Vorantreiber: "Ich hör sehr lange zu, aber irgendwann reicht's." Für den Manager Steiner ist die Wohnform immer auch ein Lehrstück: "Der Umgang mit gruppendynamischen Prozessen wird geschärft." Berufliche Weggefährten bezeichnen Steiner einhellig als ehrlichen Teamspieler, der zum richtigen Zeitpunkt Entscheidungen treffen kann.

Die komplette Geschichte finden Sie im FORMAT Nr. 25/08!

20.6.2008 14:15