Ein kleiner Traum vom "Wunder von Wien":
Österreich siegt dank Korkmaz-Tor mit 1:0
- Ballack verschießt in der 2. Minute einen Strafstoß
- Korkmaz dribbelt wie Diego Maradona bei WM 1986

·"Müssen die Hosen nicht voll haben"
Hickersberger gibt ÖFB-
Team 40-Prozent-Chance
·Historischer Sieg vs. Deutschland im Visier
Österreich kämpft gegen Deutsche um Aufstieg
·Herzog traut ÖFB-
Team Überraschung zu
"Spieler werden über
sich hinauswachsen"
Ein kleine Traumvorstellung für heute Abend: 10.953 Tage nach der "Schmach von Córdoba" schlagen Österreich und Deutschland die letzte Fußballschlacht in der Gruppe B der EURO 2008. Im Wiener Ernst-Happel-Stadion ist bereits die 90. Minute angelaufen und Österreich führt zur Überraschung aller Beteiligten mit 1:0. Ümit Korkmaz, der bekanntlich in Deutschland nicht einmal als Fitnesstrainer arbeiten könnte, hatte das ÖFB-Team nach einem spektakulären Slalomlauf durch die deutsche Abwehr mit 1:0 in Führung gebracht. ÖFB-Teamchef Hickersberger läuft auf der Seitenlinie wild gestikulierend auf und ab, gibt seinen baldigen "Wunderkickern" die letzten Durchhalteparolen. Mit gefasstem Blick sieht sein Gegenüber Joachim Löw sein Team vor der größten Schmach in der Geschichte des DFB.
Dabei hatte doch alles so gut begonnen für die deutsche Auswahl: Nachdem sich Martin Hiden im Laufduell mit David Odonkor auf die eigenen Füße gestiegen war und durch diesen unglücklichen (Zu)Fall den bereits entkommenen Fußball-Sprinter wieder einholte, ihn dadurch aber unerlaubterweise zu Fall brachte, entschied der Referee in der zweiten Minute auf Strafstoß für die Deutschen. Kapitän Ballack tritt an und befördert den Ball über das Dach des Stadions bis weit in transdanubische Regionen.
Im Happel-Oval brach nach dem vergebenen Penalty ein Jubelkonzert aus. Erinnerungen an David Beckham wurden wach, "nicht schon wieder", dachte sich Ballack, der in Wien nach Unterhaching, Glasgow, Seoul und Moskau sein fünftes "Fußball-Waterloo" erleben sollte. Danach ein Sturmlauf der Österreicher: Harnik rannte sechs Mal allein auf Torhüter Lehmann zu, schoss beim Abschluss aber jedes Mal überallhin, nur nicht ins Tor. Halbzeitpause, die Deutschen schwer geschockt, die Österreicher im Aufwind, das Publikum in Euphorie, das "Wunder von Wien" in greifbarer Nähe. In der Pause zwingen gravierende Diarrhöe-Beschwerden den bis dahin so glücklosen Martin Harnik zur Aufgabe. Der Trauer nach den vergebenen Chancen folgten beim Deutsch-Österreicher volle Hosen. In der "Bild"-Redaktion in Berlin hatte man die Schlagzeile für den nächsten Tag bereits parat.
Der Korkmaz-Clou
Für Fußball-Deutschland sollte es aber doch anders kommen. Auf eine flammende Pausenrede von Teamchef Hickersberger, die Martin Stranzl beinahe zu Tränen rührte, folgte die beste Leistung einer österreichischen Fußballnationalmannschaft seit den 1930er Jahren, als Meisls "Wunderteam" Fußballanhänger in der ganzen Welt verzückte. Besonders ein Spieler sollte diesem Match seinen Stempel aufdrücken: Ümit Korkmaz, der sympathische Dribbler aus Wien-Rudolfsheim, spielt die schwerfälligen Mertesacker und Metzelder Minute für Minute schwindlig. Im Mittelfeld kann der bei dieser EM oftmals stotternde Mittelfeldmotor Andreas Ivanschitz endlich seine volle Leistungsfähigkeit abrufen, er verteilt die Bälle nach links, nach rechts, schlägt gefährliche Standards - Frings, Ballack & Co. sind mittlerweile zu teilnahmslosen Beobachtern mutiert.
Und dann der Korkmaz-Clou: Der Austrotürke setzt auf Höhe der Mittellinie zum Dribbling an, das sogar jenes von Diego Maradona bei der WM 1986 in den Schatten stellen sollte. Unwiderstehlich und leichtfüßig spaziert der Mann mit der Rückennummer elf durch die gegnerischen Reihen und schießt dem deutschen Torwart Lehmann auch noch ein klassisches Gurkerl. Nach diesem Traumtor stürmt der ansonsten so coole Hickersberger wie einst Hans Krankl zur Cornerfahne, herzt den Torschützen Korkmaz und busselt seine Schützlinge überschwänglich ab. Im Radio überschlagen sich die Stimmen von Adi & Edi, im TV wird ein auf Knien jubelnder Herbert Prohaska kurzzeitig eingeblendet. Zehn Minuten sind noch zu spielen.
Auf deutscher Seite werden alle Hebel auf Offensive gestellt, fünf Stürmer stehen mittlerweile in der DFB-Elf. Klose, Gomez, Kuranyi, Neuville und Podolski können sich gegen die bärenstarken österreichischen Abwehrrecken Hiden und Stranzl nicht durchsetzen. Auch Hickersberger reagiert: Die eingewechselten Jürgen Patocka und Markus Katzer verteidigen das österreichische Tor mit Haut und Haaren. Plötzlich pfeift der Schiedsrichter ab. Es ist aus, das "Wunder von Wien" ist vollbracht. Ein Traum geht zu Ende.
(Jörg Tschürtz)
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