Donnerstag, 19. Juni 2008

Seselj sorgt für Eklat bei Haager Tribunal: Angebliche Kontakte zu Karadzic und Mladic

  • Eigenwillige Versuche Zeugenaussage zu entkräften
  • Zweifel in Belgrad an Stichhaltigkeit von Behauptung

Vojislav Seselj, Chef der nationalistischen Serbischen Radikalen Partei, sorgt vor dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien erneut für Aufsehen. Der frühere serbische Vizepremier, der sich vor dem Haager Gericht wegen Kriegsverbrechen in Kroatien, Bosnien und der nordserbischen Provinz Vojvodina zu verteidigen hat, behauptet nun, "im indirekten Kontakt" mit den beiden meistgesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrechern, dem ehemaligen Präsidenten der Republika Srpska, Radovan Karadzic, und dessen Militärchef Ratko Mladic zu stehen. Er kommuniziere mit den beiden Angeklagten über "Mittelsmänner", erklärte Seselj dieser Tage auf Anfrage des Tribunalssenats.

Der Ultranationalist war zuvor bemüht, die Angaben eines Zeugen der Anklage zu widerlegen, der behauptete, Seselj im November 1993 in der Gesellschaft von Karadzic und Mladic während eines Angriffs der bosnisch-serbischen Truppen unweit von Sarajevo gesehen zu haben. Er habe von Karadzic die Information erhalten, dass dieser an jenem Tag in Belgrad gewesen sei, sagte Seselj. Mladic könne sich andererseits nicht genau erinnern, wo er zu jenem Zeitpunkt gewesen sei. "Er hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass das Kommando der serbischen Streitkräfte nie zulassen würde, dass sich drei so wichtige serbische Politiker und Militärs zugleich in Reichweite feindlichen Feuers befinden", argumentierte Seselj vor dem UNO-Tribunal.

Verschwiegenheit des Angeklagten
Auch würde er "lieber umkommen", als der Tribunalsanklage Informationen preiszugeben, die "meinen Freunden Radovan Karadzic und Ratko Mladic schaden" könnten, meinte der SRS-Chef auf die Frage des Gerichts hinsichtlich der Glaubwürdigkeit seiner Behauptungen.

Durch einen Hungerstreik im Dezember 2006 hatte Seselj das Recht erzwungen, sich vor dem Haager Gericht selbst verteidigen zu können. Als seine Rechtsberater fungieren dabei mehrere Spitzenpolitiker seiner Serbischen Radikalen Partei. Diese haben die Behauptungen des Angeklagten gegenüber Belgrader Medien weder bestätigt noch bestritten. Er habe keinen Grund, seinem Parteichef nicht zu glauben, meinte Dragan Todorovic, Chef des SRS-Exekutivausschusses.

Zweifel in Belgrad
Der SRS-Chef habe versucht, die Aussage eines Zeugen durch eigene Erfindungen zu widerlegen, stellte die Belgrader Tageszeitung "Politika" fest. Das Blatt brachte das Verhalten Seseljs auch mit den jüngsten Weisungen des Tribunals in Verbindung. Dem Ultranationalisten war es untersagt worden, die Zeugen der Anklage künftig "Lügner" zu nennen, wie er es immer wieder zu tun pflegte.

Der Prozess gegen Seselj, der sich seit Februar 2003 im Tribunalsgefängnis Scheveningen befindet, läuft seit Ende des Vorjahres. In Belgrad sind neuerdings nicht mehr die früheren sehr optimistischen Spekulationen von SRS-Spitzenfunktionären zu hören, dass der Haager Angeklagte bald nach Serbien zurückkehren und erneut das Parteiruder übernehmen dürfte. (apa/red)

19.6.2008 14:21