Dienstag, 17. Juni 2008

Gusenbauer von seiner Partei entmachtet:
Länderfürsten setzen Faymann vor die Nase

  • Mit 48 Jahren in bisher größter Polit-Bedrängnis
  • Drittes Wahl-Antreten als Spitzenkandidat fraglich

Alfred Gusenbauer ist ein großer Zacken aus seiner Kanzlerkrone gefallen. Nach den diversen Wahlniederlagen der SPÖ auf Landes- und Gemeindeebene wurde ihm vom Parteipräsidium mit Werner Faymann ein geschäftsführender Parteivorsitzender vor die Nase gesetzt. Ob Gusenbauer die Sozialdemokraten damit noch ein drittes Mal in eine Wahl führen darf, ist somit fraglich.

Erstaunlich ist, dass Gusenbauers Demontage just zu jenem Zeitpunkt erfolgt, da er nach vielen Mühen sein großes Karriereziel, die Kanzlerschaft, erreicht hatte. Als Wahlverlierer hatte er sich 2002 noch überraschend problemlos an der Spitze der Sozialdemokratie halten können. Bis zum Juni 2008 hatte sich der gebürtige Niederösterreicher aber zu viele und auch zu mächtige Feinde geschaffen. Vor allem die Länderfürsten, die um ihre Machtbastionen fürchteten, aber auch die Gewerkschaft, mit der es sich Gusenbauer nachhaltig angelegt hatte, rückten dem Kanzler zu Leibe.

Gusenbauer war in den acht Jahren der alleinigen Führung der Partei kaum einem internen Konflikt aus dem Weg gegangen. Den Parlamentsklub verstörte er mehrfach, zuletzt als er in Argentinien scherzte, nach 16 Uhr seien an einem Freitag in Österreich kaum mehr Abgeordnete bei der Arbeit anzutreffen. Früher schon hatte er ein Drittel der eigenen Abgeordneten als quasi unbelehrbar bezeichnet.

Den Krieg mit der Gewerkschaft eröffnete Gusenbauer spätestens, als er die BAWAG-Krise zu deren Entmachtung nutzte und einen Beschluss herbeiführte, dass die Vorsitzenden der Teilorganisationen nicht mehr im Parlament vertreten sein dürfen. Seither wurden in dieser Ecke die Messer gewetzt, umso mehr, seit sein alter Freund, der mächtige Metaller-Chef Rudolf Nürnberger, in den Ruhestand getreten war. Gusenbauers hedonistischer Lebensstil sorgte ebenfalls immer wieder für Häme in Arbeitnehmerkreisen.

Missgunst der Länder
Die Missgunst der Länder zog sich der SP-Chef durch mehrere Faktoren zu - vor allem durch seine Nachgiebigkeit gegenüber dem Koalitionspartner, die von vielen als Grund für die Wahlschlappen der jüngeren Vergangenheit herangezogen wurde. Schon direkt nach der Wahl hatte er es sich mit Studenten und Jugend verscherzt, als er flott von seinem Versprechen einer Abschaffung der Studiengebühren abrückte.

Gusenbauer, geboren am 8. Februar 1960, gilt seit ewig als beratungsresistent. Nur ein kleiner Kreis, den er schon aus Zeiten als Chef der Sozialistischen Jugend kennt, soll an ihn herandringen können, darunter neben der wieder als Bundesgeschäftsführerin eingesetzten Doris Bures eben Faymann. 1984 bis 1990 legte er als Vorsitzender der Sozialistischen Jugend die Basis für seine spätere Karriere und schuf sich das erste politische Standbein. Das berufliche Standbein bildete daneben die SP-dominierte Arbeiterkammer Niederösterreich, für die der Doktor der Politikwissenschaft lange Jahre tätig war. 1991 wurde Gusenbauer dann ein Bundesratsmandat zu Teil, 1993 macht ihm mit gerade einmal 33 einen Sitz im Nationalrat frei, den er bis heute ohne Pause hält.

Ursprünglich Kompromisskandidat
Ab 1999 ging es dann schnell, Landesgeschäftsführer in Niederösterreich, 2000 schon Bundesgeschäftsführer und dann wenige Wochen später, exakt am 29. April 2000, bereits Parteivorsitzender und damit in einer Reihe klingender Namen von Adolf Schärf über Bruno Kreisky bis Franz Vranitzky. Den Posten bekam er freilich nur, weil sich der Liebling der Linken, Ex-Innenminister Caspar Einem, und jener der Rechten, Karl Schlögl, neutralisierten.

Kaum im Amt kam Gusenbauer die wenig dankbare Aufgabe zu, den unter Viktor Klima angehäuften Schuldenberg der Partei abzubauen. Zusätzlich sah sich der junge Vorsitzende, Vater einer Tochter und mit deren Mutter Eva Steiner seit Jahren liiert, mit einer Partei konfrontiert, die nach Jahrzehnten in Regierungsverantwortung mit dem Wort Opposition wenig anzufangen wusste. Auf den Kopf fielen Gusenbauer rasch eigene Unzulänglichkeiten. Vor allem sein unglückliches "Champagnisieren" in Frankreich während der Sanktionszeit war wohl ein mitentscheidender Faktor, warum sich der SPÖ-Chef bis heute weder so recht einen Weg in die Herzen der Österreicher noch in jene der Partei bahnen konnte.
(apa/red)

17.6.2008 13:45