Montag, 16. Juni 2008

Wirtschaftsprüfer Reiter im Dauerverhör:
Zahlen des BAWAG-Vorstands blind vertraut

  • Staatsanwalt wirft fehlende "kritische Würdigung" vor
  • Beschwerde über befehlstonartiges Verhalten Elsners

Am 109. Verhandlungstag im BAWAG-Prozess stand die Rolle des mitangeklagten Wirtschaftsprüfers Robert Reiter im Zentrum. Der frühere Bank-Prüfer versuchte zunächst mit einer ausführlichen Stellungnahme das ihn belastende Gutachten des Sachverständigen Thomas Keppert zu entkräften und verteidigte die von ihm geprüften Bankbilanzen. Daraufhin wurde er stundenlang von Staatsanwalt Georg Krakow befragt. Der Hauptangeklagte Ex-BAWAG-Chef Helmut Elsner warf Richterin Claudia Bandion-Ortner vor, eine "Show" im Gerichtssaal aufzuführen - was diese entschieden zurückwies.

Reiter von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hatte die Bilanzen der BAWAG in den Jahren der Verluste durch den Spekulanten Wolfgang Flöttl geprüft und uneingeschränkte Bestätigungsvermerke erteilt. Reiter erhob heute schwere Vorwürfe gegen Gutachter Keppert: Dieser habe eine "sehr einseitige Sicht" eingenommen. Der Sachverständige finde etwa beim BAWAG-Jahresabschluss 2002 "mehrere Haare in der Suppe, wo aber keine Haare sind", meinte der Angeklagte.

Der Wirtschaftsprüfer ist der Ansicht, die BAWAG-Jahresabschlüsse 2002 und 2003 seien richtig, damit wäre der Vorwurf der Bilanzfälschung hinsichtlich der Vorbilanzen verjährt. Anders Gutachter Keppert, der die Bilanz 2002 und die Eröffnungsbilanz 2003 als falsch beurteilte. Da Reiter die vorbereitete 28-seitige Stellungnahme nicht dem Gerichtsakt anfügen durfte, begann er die zitierten Literaturhinweise und Urteile vorzulesen, damit seine Ausführungen ins Protokoll und damit in den Akt kommen. "Glauben Sie, wir kennen die Literatur nicht?", fragte die Richterin ungeduldig. "Es geht um mein Leben", versuchte Reiter zu argumentieren, da sitze er auch länger da, und setzte seine Ausführungen fort.

Staatsanwalt Krakow hielt dem Angeklagten vor, er habe die Bank-Bilanzen bestätigt, ohne die Angaben des BAWAG-Vorstands geprüft zu haben. Die gemäß Bankprüferrichtlinie erforderliche "kritische Würdigung" der Vorstandsangaben sei unterlassen worden. Reiter entgegnete, er habe den Angaben des Vorstands vertraut, aber auch - etwa bei den vom Spekulanten Wolfgang Flöttl der BAWAG als Abdeckung für die Verluste überlassenen Bildern - "selber hingeschaut".

"Befehlstonartiges Verhalten"
Am Nachmittag kam es wieder einmal zu einem Eklat: Als Richterin Claudia Bandion-Ortner im Rahmen von Verlesungen aus dem Akt eine Beschwerde gegen den seit über einem Jahr in U-Haft befindlichen Ex-BAWAG-Chef Helmut Elsner vorlesen wollte, beschwerte sich dieser lautstark: Die Richterin wolle im Gerichtssaal eine "Show" veranstalten. Die Richterin verlas recht ausführlich die Beschwerde eines Beamten der Justizhaftanstalt Josefstadt, der Elsner "befehlstonartiges Verhalten" vorwarf. Da Elsner anschließend über gesundheitliche Probleme klagte, wurde die Verhandlung für heute beendet.

Nach fast einem Jahr nähert sich der Strafprozess nun offenbar doch einem Ende. Mit einem Urteil könnte etwa am 3. Juli gerechnet werden, hieß es zuletzt. Am 16. Juli 2007 hat das Verfahren begonnen.

(apa/red)

16.6.2008 17:20