Dienstag, 10. Juni 2008

Wortgefechte im BAWAG-Verhandlungssaal:
Reiter, Keppert und Kleiner im "Schreiduell"

  • Schmerzgeplagter Elsner hielt sich seine Ohren zu
  • Richterin Bandion-Ortner will aufs Tempo drücken

Zu einem ausgewachsenen Streit ist es im BAWAG-Prozess gekommen, als die Verteidiger des angeklagten früheren BAWAG-Wirtschaftsprüfers Robert Reiter dem Gutachter Thomas Keppert lautstarke Vorhaltungen machten. Als sich in die immer mehr ausufernde Auseinandersetzung auch noch Staatsanwalt Georg Krakow einschaltete, mahnte Richterin Claudia Bandion-Ortner die Beteiligten zur Mäßigung. Schließlich habe Ex-BAWAG-Chef Helmut Elsner Ohrenschmerzen, erinnerte sie. Elsner hielt sich während der immer lauter werdenden Debatte sein schmerzendes Ohr zu.

Scharfe Kritik am Sachverständigen Keppert äußerten Reiters Anwälte Thomas Kralik und Christoph Herbst, welcher Keppert ironisch als "Wunderwuzzi" bezeichnete. Kralik legte überraschend eine Unterlage des Finanzamts aus dem Jahr 2005 zu einer Betriebsprüfung der Casinos Austria vor. Demnach sind für das Finanzamt die Abschreibungen der Casinos Austria zum Casino Jericho nicht zulässig.

Während Gutachter Keppert den Angeklagten vorhalte, sie hätten das Casino Jericho bzw. die Forderungen daraus nicht abgeschrieben, habe das Finanzamt den Casinos eben diese Abschreibung nicht genehmigt, argumentierte Kralik. Das Schreiben des Finanzamts habe man von den Casinos Austria erhalten, erläuterte Kralik. Die Richterin las ein Schreiben vor, in dem die Casinos Austria die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG von der Vertraulichkeit entbinden. Ex-BAWAG-Wirtschaftsprüfer Reiter war bei der KPMG tätig.

Anklagepunkt Bilanzfälschung
Hintergrund des ganzen Streits ist der Anklagepunkt Bilanzfälschung: Folgt man dem Gutachten Kepperts, hätte die BAWAG in der Bilanz 2002 die Casino Jericho-Forderungen abschreiben müssen, was sie aber nicht getan hatte.

Der frühere Generaldirektor der Casinos Austria, Leo Wallner, hatte im Zeugenstand im BAWAG-Prozess ausgesagt, die Casinos hätten in ihrer Bilanz die Casino Jericho-Beteiligung nach der Schließung abgeschrieben, weil die Casinos eben vorsichtig bilanzierten. Das Casino Jericho war im Zuge der Intifada im Herbst 2000 geschlossen worden und wurde seitdem nicht mehr aufgesperrt.

Richterin will aufs Tempo drücken
Richterin Claudia Bandion-Ortner will nun aufs Tempo drücken. Der 105. Verhandlungstag wurde aber wieder nicht, wie geplant, zur letzten Befragung von Gutachter Thomas Keppert: Der Bilanzsachverständige muss morgen, Dienstagnachmittag, noch einmal zum Verfahren kommen, um allerletzte Fragen der Verteidiger von Ex-BAWAG-Chef Helmut Elsner und Wirtschaftsprüfer Robert Reiter zu beantworten. Der von der Richterin angestrebten strafferen Zeitplanung schloss sich heute auch Elsners Verteidiger an: "Wir müssen schauen, dass wir zu einem Ende kommen", sagte Wolfgang Schubert.

(apa/red)

10.6.2008 14:56