Donnerstag, 12. Juni 2008

Elsner erbost über Behauptungen: 'Kein Konto in der Schweiz oder am Mount Everest'

  • Urteilstermin naht: Anwälte und Angeklagte nervös
  • Kreuch lässt Protokolle kriminaltechnisch untersuchen

Mit einer Medienschelte durch Ex-BAWAG-Chef Helmut Elsner, der kriminaltechnischen Untersuchung der BAWAG-Vorstandsprotokolle, Verlesungen aus dem Gerichtsakt und dem vermutlich letzten Zeugen hat sich der BAWAG-Prozess im Wiener Landesgericht beschäftigt. Der 107. Verhandlungstag zeigte auch deutlich, dass einige Angeklagte - und ihre Anwälte - angesichts des nun doch nahenden Urteilstermins nervöser werden und ihre eigene Rolle noch einmal ausführlich ins rechte Licht rücken möchten.

Elsner kritisierte scharf die Medienberichterstattung über den Prozess: Im ORF-Radio sei behauptet worden, es sei ein neues Konto in der Schweiz aufgetaucht, wo er möglicherweise Millionen gebunkert habe. "Es gibt kein Konto in der Schweiz, auch kein Konto in Liechtenstein, kein Konto am Mount Everest", unterstrich der Angeklagte, der seit über einem Jahr in U-Haft sitzt und offenbar die Berichterstattung über den Prozess genau verfolgt.

Tatsächlich hatte das ORF-Radio sowohl über das Schweizer Konto, als auch über Elsners Dementi berichtet, wonach er mit dem Konto nichts zu tun habe. Staatsanwalt Georg Krakow hielt dem Angeklagten vor, dass er am 31. März 1995 mit der Schweizer Vermögensverwaltung Burgauer telefoniert habe und darauf in Zürich gewesen sei. Da habe er vermutlich eine Vorstellung eines Thomas Bernhard-Stückes am Züricher Schauspielhaus besucht, erklärte Elsner. Das Stück "Der Schein trügt" von Thomas Bernhard hatte am 1. April 1995 im Züricher Schauspielhaus Premiere.

Kriminaltechnische Untersuchung
Der mitangeklagte Ex-BAWAG-Vorstand Hubert Kreuch sieht sich von vielen Dingen nicht informiert. Sein Anwalt Peter Schmautzer beantragte eine kriminaltechnische Untersuchung der BAWAG-Vorstandsprotokolle. Das Gericht gab dem Antrag statt, nun soll geprüft werden, ob die Protokolle möglicherweise gefälscht bzw. nachträglich verändert wurden. Die Protokolle seien als "Lose-Blatt-Sammlung" im Büro Elsners aufbewahrt worden, erläuterte Anwalt Schmautzer. Seiner Ansicht nach habe man etwa Unterschriften von einem Protokoll genommen und einem anderen Protokoll zugefügt.

Büttner fühlt sich ausgegrenzt
Der frühere BAWAG-Vorstand Christian Büttner argumentierte erneut, dass er von anderen Vorständen ausgegrenzt worden wäre. "Die Dinge sind bewusst an mir vorbeigeführt worden", meinte Büttner. Büttner beschuldigte Johann Zwettler, damals BAWAG-Vorstand und später BAWAG-Chef, er habe ihm die Flöttl-Bilder als Sicherheiten für die Flöttl-Verluste dargestellt. Laut einem von Büttner privat verfertigten Protokoll hat ihm Zwettler gesagt, die Bilder seien je 100 Mio. Dollar wert. Zwettler bestritt dies entschieden, da sich dadurch bis zu 1,8 Mrd. Dollar Wert ergeben hätten, was nie jemand behauptet habe. Außerdem solle Büttner diese im Hinterzimmer verfertigten Notizen nicht als Beweis vorlegen.

Huber freiwillig im Zeugenstand
Der bereits am 99. Verhandlungstag befragte Zeuge, der frühere BAWAG-Mitarbeiter Dieter Huber, trat heute freiwillig noch einmal in den Zeugenstand. Er habe sich nach Lektüre des OeNB-Berichts besser erinnert, so der nur kurz - vom April 2000 bis Mai 2001 - in der BAWAG beschäftigt gewesene Mann. "Die Sache hat mir keine Ruhe gelassen", erläuterte Huber seinen neuerlichen Zeugenauftritt. Er habe noch nie erlebt, dass ein Zeuge freiwillig noch einmal erscheine, meinte der Anwalt von Wolfgang Flöttl, Christian Hausmaninger, mit Misstrauen. "Ich freue mich, wenn Zeugen freiwillig kommen", entgegnete die belustigte Richterin. "Es ist für mich eigentlich kein Vergnügen", so der Zeuge. Inhaltlich brachte der damalige Assistent von Thomas Hackl keine neuen Erkenntnisse.

(apa/red)

12.6.2008 17:23