12.6.2008 17:00

Schweiz ist 'Europameister der Pechvögel':
Fünf Gründe für das Scheitern bei der EURO

  • Co-Gastgeber ist bereits aus Turnier ausgeschieden
  • Schweizer konnten hohe Erwartungen nicht erfüllen

Der trübselige Blick von Jakob Kuhn kurz nach Ende der "Basler Regenschlacht" war ein Sinnbild für die Stimmung einer ganzen Nation. Der Trainer der Schweizer, den sie alle nur "Köbi" rufen, stand fassungslos am Feld der geplatzten Träume. Gerade hatten die Türken seine "Nati" mit 2:1 bezwungen und die EM-Hoffnungen der Eidgenossen somit schon nach dem zweiten Match zu Grabe getragen. Auf ihrem Teambus stand noch "Endstation: Wien" zu lesen. Dass die EURO-2008-Route der Schweizer aber schon nach der Vorrunde zu Ende sein sollte, damit rechnete in unserem Nachbarland niemand. Auf der Suche nach Gründen für das vorzeitige Scheitern der "Nati".

1. Verletzte Stürmer
Den ersten Rückschlag für die Schweizer bei dieser EM bildete die Verletzung von Stürmer Alexander Frei im Eröffnungsspiel gegen Tschechien. Der Dortmund-Legionär, der im tschechischen Strafraum für einige Gefahr gesorgt hatte, schied kurz vor der Halbzeitpause mit einer schweren Knie-Verletzung aus. Somit war die EURO 2008 für Frei beendet, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Für das Türkei-Spiel musste auch noch der zweite Stürmer, Marco Streller, wegen Leistenbeschwerden w.o. geben. Den Ersatz für Frei und Streller bildeten im zweiten Vorrundenmatch Hakan Yakin, ein ähnlicher Spielertyp wie Ivica Vastic, und Eren Derdiyok. Zunächst noch erfolgreich (Derdiyok gab bei Yakins Tor den Assist), ging dem Sturmduo im zweiten Durchgang der "Wasserschlacht von Basel" aber die Luft aus. Der Umstand, zwei Schlüsselfiguren im Angriff vorgeben zu müssen, warf Kuhns Spielkonzept für die EURO völlig über den Haufen. Besonders der brandgefährliche Frei wurde im Schweizer Sturm schmerzlich vermisst.

2. Mittelfeldstratege fehlte
Wirft man einen Blick auf das Mittelfeld der "Nati", könnte man als Österreicher beinahe vor Neid erblassen. Hinter den Spitzen tummeln sich Legionäre von Udinese, Lazio Rom, Manchester City und Bayer Leverkusen. So aggressiv und laufstark Behrami, Fernandes und Inler auch waren: Den Schweizern fehlte bei dieser EURO 2008 eine zentrale Schaltstelle, ein Spielertyp wie Andrea Pirlo, der für Ruhe und entscheidende Akzente hätte sorgen können. Eine weitere Enttäuschung in der "Nati" war Flügelspieler Tranquillo Barnetta, der zum ungünstigsten Zeitpunkt in eine Formkrise rutschte. Seine Tempodribblings auf der linken Seite waren in den Spielen gegen Tschechien und die Türkei von wenig Erfolg gekrönt.

3. Zu hohe Erwartungen
Das hehre Ziel von Kuhns Truppe, den Europameistertitel in die Schweiz zu holen, wurde von vielen Beobachtern in Europa als Zeichen neuer Stärke der eidgenössischen Fußballs gesehen. Junge, aufstrebende Spieler wie Senderos oder Behrami zeigten bei ihren Klubs mit starken Leistungen auf, man spielte eine erfolgreiche WM 2006 und schlug die Niederlande in einem Vorbereitungsspiel für die EURO 2008. Kuhns Mannschaft wurde einiges zugetraut. Dies führte auch zu einer Spur Überheblichkeit: Die Fußballkollegen von Co-Gastgeber Österreich beispielsweise wurden meist nur milde belächelt. "Biederes Mittelmaß" oder "Krisenfußball" waren noch die harmloseren Aussagen über das ÖFB-Team. Die Schweizer Erwartungen für die EURO 2008 hätten aber spätestens nach der herben 0:4-Klatsche gegen Deutschland Ende März 2008 zurückgeschraubt werden müssen. Nun steht man ohne EM-Titel da und muss sich Häme und Spott - auch aus Österreich - gefallen lassen.

4. Chancenverwertung
Gut, das Offensivspiel der Schweizer versetzte die Zuseher im Baseler St. Jakob Park beide Male in Euphorie und Verzückung. Die Chancenverwertung, die die Eidgenossen an den Tag legten, war aber erschütternd fahrlässig. Allein gegen die Tschechen fand man Chancen für zwei Spiele vor. Eine abgedroschene, aber gerade bei Europameisterschaften besonders oft zutreffende Fußballer-Weisheit wird den Schweizern in den nächsten Tagen besonders oft um die Ohren Fliegen: Wer vorne keine Tore schießt, bekommt sie hinten rein.

5. Pech
Der deutsche Fußballer Jürgen Wegmann meinte einmal nach einem Spiel seiner Mannschaft: "Zuerst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu.“ Ähnlich ging es den Schweizern bei der EURO 2008. Vonlanthens Lattenschuss gegen Tschechien und der Beinahe-Doppelpack von Hakan Yakin im Türkei-Spiel sind die zwei markantesten Beispiele für das eidgenössische Pech bei der Heim-EM. "Europameister der Pechvögel" wird die Schweizer Nationalmannschaft in ihrer Heimat bereits genannt. "Gut gespielt, wir hatten einfach Pech", beschönigen viele der Schweizer Fans die Bilanz ihres Teams. Das Scheitern allein auf Pech zurückzuführen, ist ja manchmal auch eine österreichische Krankheit. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht auch die Schweizer einer permanenten Leugnung der eigenen Schwächen anheim fallen.

Eine Prognose zum Abschluss: Die Schweiz wird in ihrem letzten Spiel bei dieser EM gegen Portugal wieder herzerfrischenden Fußball zeigen und Kuhn wird in seinem letzten Spiel als Chef einen würdigen (und wahrscheinlich auch rührenden) Abschied bekommen. Denn dann kommt ja der große Hitzfeld. Er wird den "Pechvögeln" wieder das Fliegen lehren müssen.

(Jörg Tschürtz)

12.6.2008 17:00
Seite bookmarken bei: ? Hilfe
zurück zur Startseite