Mittwoch, 21. Mai 2008

Depressiv und unbehandelt: Stimmungstiefs
bleiben noch immer weitgehend unversorgt

  • Nach 3 Monaten nur noch 2,5 bis 4 % (!) behandelt
  • Statt langfristiger Hilfe lieber Ruckzuck-Ruhigsteller?

Im österreichischen Gesundheitswesen stellen sich immer mehr Lücken in der Versorgung von Kranken heraus. Neben deutlichen Mängeln in der medikamentösen Therapie sogar von Herzinfarktkranken trifft das laut der Wiener Klinischen Pharmakologin Martina Anditsch (SMZ-Ost) auch eine offenbar besonders benachteiligte Gruppe: Personen mit Depressionen. Nur 2,5 bis vier Prozent sind drei Monate nach der Diagnose noch ausreichend behandelt, erklärte die Expertin bei den Österreichischen Ärztetagen in Grado.

Depressive sind per se zumeist antriebsschwach. Das heißt, ihnen fehlt es durch ihre Erkrankung auch an der Möglichkeit, sich im Gesundheitssystem aktiv durchzusetzen. Gleichzeitig sind Depressionen ein Volksleiden, auch oft im Gefolge anderer häufiger chronischer Erkrankungen auftritt. Die Pharmakologin: "Nach einem Herzinfarkt sind mehr als 40 Prozent der Betroffenen depressiv. Diabetiker haben zu einem Anteil von bis zu 50 Prozent Depressionen."

Fazit laut der Expertin: "Behandlungsbedürftig wegen Depressionen sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Das sind in Österreich rund 400.000 Personen. Beim Hausarzt in Behandlung stehen 60 bis 70 Prozent. Diagnostiziert wird die Depression bei 30 bis 35 Prozent. Sechs bis neun Prozent der Patienten werden suffizient behandelt. Nach drei Monaten sind das aber nur noch 2,5 bis vier Prozent."

Stellt das System lieber ruhig als zu therapieren?
Irgendwie scheint das Gesundheitswesen die wegen der damit oft verbundenen Suizidalität durchaus lebensgefährliche Erkrankung der Depression nicht so wirklich ernst zu nehmen. Dabei stünden für eine gute Behandlung inklusive Psychotherapie etc. ausreichend viele verschiedene moderne Arzneimittel zur Verfügung. Dabei kommen allerdings mehrere ungünstige Faktoren zusammen.

Martina Anditsch: "Für eine Wirkung der Antidepressiva braucht es vier Wochen Behandlung. Man weiß, dass eine Therapie mindestens sechs Monate lang erfolgen sollte." Statt hier die ursächlich wirksamen Arzneimittel zuvorderst zu verschreiben, setzen offenbar - so die Verschreibungsstatistiken in Österreich - noch immer mehr Ärzte auf die sofort wirksamen, aber mit Abhängigkeitspotenzial behafteten Benzodiazepine (Tranquilizer).

Außerdem werden die Antidepressiva noch immer oft zu niedrig dosiert. Die Expertin: "Die Remission (völliges Verschwinden der Symptome, Anm.) ist das Behandlungsziel. Es reicht nicht aus, wenn der Patient nur so behandelt wird, dass es eben 'so geht'. Wenn keine Remission erzielt wird, ist die Gefahr eines Rückfalls sehr hoch, auch das Risiko für einen chronischen Verlauf und das rasche Auftreten eines Rückfalls. Deswegen muss man die Grunderkrankung wegkriegen."

Intensive & professionelle Behandlung gefordert
Die Realität sieht offenbar anders aus. Martina Anditsch: "Nur bei einem Drittel aller depressiven Patienten wird eine Remission erreicht." Das ist viel zu wenig. Zunächst sollte mit einer Antidepressiva-Anfangsdosis vier Wochen lang behandelt werden. Spricht der Patient nicht an, sollte entweder die Dosis erhöht oder auf ein anderes Mittel umgestiegen werden. Die Beobachtungszeit bei jedem einzelnen Schritt auf der Behandlungsskala beträgt jeweils vier Wochen."

Immer beachtet werden müssen auch die potenziellen Nebenwirkungen der Antidepressiva bzw. deren Wechselwirkungen. So können sie - von Präparat zu Präparat - zu einem Mangel an Natrium im Blut, zu Herzrhythmusstörungen, vermehrter Blutungsneigung, viel zu niedrigem Blutdruck, Harnzurückhaltung, Blutdrucksteigerung, Glaukom, Gewichtszunahme und Ödemen oder zu einer Senkung der Krampfschwelle (Epilepsie) führen. Das wäre bei Mehrfachmedikationen - die Expertin zeigte in Grado Daten von Patienten mit täglich bis zu 13 verschiedenen Arzneimitteln zur Einnahme - ebenfalls einzuberechnen. Da spricht noch niemand von "Aut idem" über die Apotheken. (APA/red)

21.5.2008 12:17