Tier-Mensch-Embryonen in England erlaubt:
Britische Politiker wollen damit Leben retten
- Millionen Menschen mit schweren Krankheiten heilen
- Eltern dürfen auch "rettende Geschwister" erzeugen

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Für die Stammzellenforschung dürfen in Großbritannien künftig auch Embryonen aus menschlichem Erbgut und Eizellen von Tieren hergestellt werden. Das britische Unterhaus stimmte nach heftiger Debatte mit 336 zu 176 Stimmen gegen Pläne, die Herstellung solcher Chimären zu verbieten. Außerdem dürfen Eltern eines kranken Kindes mit Hilfe der künstlichen Befruchtung ein Geschwisterchen zeugen, das genetisch zum ersten Kind passt und so Gewebe oder Organe spenden kann.
In der Debatte gingen die Meinungen auch in den Parteien auseinander. Premierminister Gordon Brown sprach sich für die Verwendung von Chimären-Stammzellen aus Mensch und Tier aus. Er forderte die Parlamentarier auf, für ihre Herstellung zu stimmen, um so möglicherweise "Millionen Menschen mit unheilbaren Krankheiten das Leben zu retten".
Unterstützung bekam er vom konservativen Oppositionsführer David Cameron, der seine Zustimmung zu derartigen Forschungen verteidigte. Er verwies dabei laut einer Meldung der Nachrichtenagentur PA im Sender GMTV auf seinen eigenen behinderten Sohn Ivan. Er sei überzeugt, dass es für die medizinische Wissenschaft notwendig sei, im Gebiet der Stammzellenforschung weiter vorzudringen.
"Schurkenstaat der Wissenschaft"
Die konservative Abgeordnete Ann Widdecombe sagte hingegen im Sender GMTV, es gebe keinerlei Beweise dafür, dass eine Nutzung von Hybrid-Embryonen tatsächlich Menschen retten werde. Die Gegner des Gesetzes sprachen von "monströsen Auswüchsen" der Forschung und einem Herumpfuschen an der Natur. Die katholische Kirche verurteilt die Versuche scharf: In dieser Weise dürfe nicht mit Leben herumgedoktert werden. Der konservative Politiker Edward Leigh sprach von einer "Frankenstein-Wissenschaft" und warnte, Großbritannien drohe zum "Schurkenstaat der Wissenschaft" zu werden.
Auch aus Österreich kam Kritik an der Entscheidung: Die Dritte Nationalratspräsidentin Eva Glawischnig und der Zweite Nationalratspräsident Michael Spindelegger forderten im Einklang, "ethische Grenzen" dürften "nicht überschritten" werden. Spindelegger betonte weiters, embryonale Stammzellforschung bedeute "eine unzulässige Verzweckung menschlichen Lebens". Die Lebensschutzorganisation Aktion Leben warnte wiederum, das Votum rüttele "am Grundverständnis unseres Menschseins".
Das Londoner Unterhaus erlaubte auch mit einer Mehrheit von 179 Stimmen die Untersuchung von Embryonen auf genetische Merkmale, um sogenannte "rettende Geschwister" zu schaffen. Eltern eines kranken Kindes lassen dabei mit künstlicher Befruchtung mehrere Embryonen erzeugen, wobei dann jenes Geschwisterchen der Mutter eingepflanzt wird, das genetisch am besten zum ersten Kind passt. Das zweite Kind kann dann zum Beispiel Knochenmark oder Nabelschnurblut spenden, um das Leben des ersten zu retten.
Embryonen aus Kühen oder Hasen
Bei der Herstellung von Mensch-Tier-Embryonen injizieren Forscher menschliche DNA in eine leere Eizelle von einer Kuh oder einem Hasen. Mit Stromstößen wird das Ei zur Teilung angeregt und entwickelt sich zu einer Blastozyste, dem Stammzellen entnommen werden können. Wissenschaftlern zufolge soll die Verwendung von tierischen Eizellen den Mangel an menschlichen Eizellen bei der Stammzellenforschung ausgleichen.
Deutsche Forscher hatten die Versuche äußerst skeptisch beurteilt. Das Verfahren sei weder neu noch sinnvoll, urteilte der Stammzellforscher Oliver Brüstle von der Universität Bonn. Auch für den Direktor des Instituts für Neurophysiologie der Universität Köln, Jürgen Hescheler, ist die Herstellung solcher Mischembryonen keine Alternative. Wolfgang-Michael Franz vom Klinikum Großhadern der Universität München war entsetzt: "Ich sehe in den Versuchen keinerlei Sinn." Diese Zellen könnten wegen der tierischen Verunreinigung zudem nicht in der Medizin eingesetzt werden.
Wissenschaftler aus den USA, Südkorea und China hatten in den vergangen Jahren bereits über die Produktion von Embryonen aus Mensch und Tier berichtet. In Europa gaben erstmals im April 2008 britische Forscher der Universität Newcastle bekannt, dass sie ein solches Mischwesen erzeugt hätten. Sie hatten hierfür eine Sondergenehmigung der zuständigen britischen Behörde HFEA.
(apa/red)
