Ist die Party in Osteuropa schon vorbei? Extrem hohe Wachstumsraten gehen zurück
- FORMAT: Einbrüche auf Prager und Moskauer Börsen
- Aufholpotential bei jüngsten EU-Staaten noch größer

·Osteuropa: Renditen zunehmend geringer
FORMAT im Interview mit Manager Dibelius & Umek
Die Zeiten extrem hoher Wachstumsraten gehen in vielen Staaten Osteuropas zu Ende. In den jüngsten EU-Mitgliedern wie Rumänien bleibt das Aufholpotenzial noch größer. Lange Zeit kannten die Aktienkurse in Osteuropa nur eine Bewegung - die nach oben. In den vergangenen fünf Jahren konnte man mit guten Fonds 300 Prozent erzielen. Doch seit Mitte 2007 ist der Lack ab. Die Börsen von Prag bis Moskau brachen infolge der globalen Bankenkrise zum Teil massiv ein. Da stellt sich die Frage: Ist die Party in Osteuropa schon vorbei? Sind die spektakulären Wachstumsraten Geschichte?
Die Antwort: Die Bankenkrise selbst ist für die Reformstaaten nicht das gravierende Problem. Allerdings droht die bisherige Dynamik in vielen Ländern verloren zu gehen. So rechnet Alexander Dibelius, Chef der US-Investmentbank Goldman Sachs, für die Region von Deutschland bis Russland, dass in vielen Ländern das Wirtschaftswachstum weitgehend auf das Niveau der etablierten EU-Staaten zurückfallen und allenfalls rund ein Prozent höher liegen wird. Das deckt sich auch mit den Prognosen des Internationalen Währungsfonds IWF, der zwischen 2007 und 2012 in Polen mit durchschnittlichen Wachstumsraten von sieben Prozent vor Abzug der Inflation rechnet, in Ungarn mit 7,5 Prozent. Zum Vergleich: In Österreich liegt das nominelle Wachstum mit 6,2 Prozent kaum darunter.
Hoher Wachstum in Rumänien und Bulgarien
Die Party dürfte sich künftig von den Nachbarstaaten Österreichs in Richtung der neuen EU-Mitglieder Rumänien und Bulgarien verlagern. Dort rechnet der IWF noch mit einem nominellen Wachstum von bis zu 15,3 Prozent. Allerdings haben es die Newcomer leichter. Sie stehen auf einer niedrigeren Ausgangsbasis und profitieren von niedrigeren Löhnen, die unter anderem die Voestalpine über den Bau eines neuen Stahlwerks nachdenken lässt. In anderen Ländern wie Tschechien oder Ungarn gehen aber die Lohnkostenvorteile bereits schrittweise verloren. Zsolt Hernádi, Boss des ungarischen Mineralölkonzerns Mol, glaubt, dass billige Löhne allein keine nachhaltige Entwicklung ergeben und manche Firmen, die nur auf die Kosten schauen, rasch an noch günstigere Standorte wie Rumänien weiterwandern werden.
Spezifizierung notwendig
Um auch in den fortgeschrittenen Staaten das alte Wachstumstempo halbwegs aufrechtzuerhalten, so Goldman-Sachs-Direktor Klaus Umek, der für das Investmentbanking in Österreich und Osteuropa zuständig ist, muss man spezifische Qualitäten entwickeln wie etwa die Slowakei, die ein Kompetenzzentrum für den Autosektor geworden ist.
Sinkende Renditen
Anleger, so prognostiziert Goldman-Sachs-Manager Dibelius, werden sich von den Erwartungen hoch zweistelliger Börsenrenditen verabschieden müssen. 20 Prozent Gewinnwachstum wäre zwar von einer niedrigen Ausgangsbasis in Branchen wie Banken und Versicherungen noch kurzfristig möglich, langfristig seien aber auch in den Reformstaaten eher Aktienerträge von acht bis zehn Prozent zu erwarten, mit denen in etablierten Märkten zu rechnen ist.
Das ist auch die Folge der inneren Probleme, unter denen die Reformstaaten zunehmend leiden. So ist die Infrastruktur chronisch unterentwickelt - und die Staatskassen sind nach dem Wettlauf um die massivsten Steuersenkungen zu leer, um die nötigen Milliardenbeträge aufzubringen. Wienerberger-Chef Wolfgang Reithofer auf einer am vergangenen Montag von Goldman Sachs veranstalteten Diskussionsrunde in Wien: "Die Infrastruktur ist das wichtigste Thema für die Staaten Mittel- und Osteuropas. Oft braucht man für die gleiche Entfernung viermal länger als in Westeuropa."
Abwanderung nach Westen
Know-how-Träger wandern nach Westen ab. Gerade junge und gut ausgebildete Menschen wollen nicht mehr länger warten, bis Osteuropa weiter aufgeholt hat, und suchen ihr Glück in England oder den USA. So könnte die Bevölkerung in Bulgarien bis zum Jahr 2012 jährlich um 0,75 Prozent abnehmen. Das hilft zwar, statistisch das Pro-Kopf-Einkommen zu erhöhen, bedeutet aber einen enormen Abfluss von Know-how. Wienerberger-Chef Reithofer hofft aber, dass die Entwicklung mit zunehmendem Wohlstand zum Stillstand kommt: "Letztlich wird das Pendel zurückschwingen, und es wird langfristig zu einer Rückkehr der Menschen kommen."
Das wäre die beste Basis dafür, dass das Wachstum einen neuen Schub bekommt - und die Party in den Reformstaaten noch länger andauert.
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