19.5.2008 16:17

In Spanien spielen vier Nationen Fußball:
Basken, Katalanen, Galicier vs. Zentralstaat

  • Spaniens Regionen stellen im Fußball Staat in Frage
  • Teams für Basken und Katalanen heftig umstritten

Alle Jahre wieder: Kaum ist Weihnachten vorbei, sind die spanischen Regional-Auswahlen am Ball. Offiziell sind ihnen eigene Nationalteams verwehrt, in Fußball-Freundschaftsspielen demonstrieren vor allem Katalanen, Basken und Galicier ihre Aufmüpfigkeit gegenüber den Kastiliern bzw. dem spanischen Zentralstaat. Zuletzt mutierte am 30. Dezember 2007 ein "Länderspiel" zwischen Katalonien (Catalunya) und dem spanischen Baskenland (Euskadi) zu einer Unabhängigkeitsdemonstration.

Das Match endete 1:1. Wichtiger als das Geschehen am Rasen war aber jenes auf den Rängen des San-Mames-Stadions von Bilbao. 40.000 Zuschauer - vorwiegend Basken - ließen die Terrorgruppe ETA (Euskadi Ta Askatasuna/Baskenland und Freiheit) hochleben und forderten die Verlegung von ETA-Häftlingen in Gefängnisse des Baskenlandes. Eine spanische Fahne wurde verbrannt. Katalanische Profis wie Carles Puyol oder Xavi, die auch für Spaniens Nationalteam spielen, wurden mit gellenden Pfiffen bedacht.

Vor dem Match hatten die Regierungen Kataloniens, des Baskenlandes sowie Galiciens - wie schon oft zuvor - die Anerkennung eigener "Nationalmannschaften" gefordert, um an Welt- und Europameisterschaften teilnehmen zu können. Dies lehnt die spanische Regierung - egal ob sie nun von der konservativen Volkspartei (PP) oder den Sozialisten (PSOE) geführt wird - seit Jahren ab.

Für Regierungen steht mehr auf dem Spiel
Zuletzt war im September 2007 ein entsprechender Antrag durchgefallen. Auch die Forderung, baskische und katalanische Vereine separat bei europäischen Klubbewerben starten zu lassen, fand keine Zustimmung. Solange Madrid in diesen Fragen hart bleibt, haben Katalonien, Euskadi und Galicien keine Chance, von internationalen Verbänden wie der FIFA oder der UEFA anerkannt zu werden.

Die Regierung fürchtet einen Schneeballeffekt, immerhin streben Euskadi und Catalunya dezidiert eine weiter gehende Eigenständigkeit von Madrid an. In Katalonien wurde sogar ein Unabhängigkeits-Referendum im Jahr 2014 angedacht. Der baskische Regierungschef Juan Jose Ibarretxe (PNV) plant bereits für Mitte Oktober eine ähnliche Volksabstimmung, die Spaniens Premier Jose Luis Rodriguez Zapatero (PSOE) bereits als verfassungswidrig abgelehnt hat.

Als Baske im Nationalteam
Dennoch spielen katalanische und baskische Kicker in der Regel auch für Spanien. Manche freilich blieben etwas aufmüpfig. Luis Arkonada (Arconada) stand insgesamt 59 Mal im Teamtor. Stets mit weißen Stutzen freilich. Die Strümpfe der "Seleccion" zieren nämlich die rot-gelb-roten Nationalfarben Spaniens, die ihm ein Dorn im Auge waren.

Sein baskischer Nationalstolz war freilich nicht daran schuld, dass Arkonada vor allem wegen eines Fehlgriffs in Erinnerung blieb. Bei der EM 1984 in Frankreich erreichte er mit Spanien das Finale. Beim Stand von 0:0 kullerte ein Freistoßball von Michel Platini unter seinen Armen ins Tor. Danach wurde Arkonada durch seinen baskischen Landsmann Andoni Zubizarreta ersetzt.

Catalunya zur Fußball-WM?
Nicht ganz so streng sieht man die Sache beim FC Barcelona. Die Zahl der waschechten Katalanen hält sich im Spielerkader in Grenzen. Doch ist allein das Vereinsmotto "Mehr als ein Klub..." bezeichnend. Präsident Joan Laporta definiert sich selbst als "Katalanisten": "Mein Traum ist, dass Katalonien an einer Fußball-WM teilnimmt." Seine Definition von "Catalunya": "Ein Land zwischen Frankreich und Spanien."

Für den Historiker Pierre Lanfranchi von der Universität Leicester ist das runde Leder paradoxerweise aber auch eine Art Bindemittel für Spanien, weil es Basken und Katalanen die Möglichkeit gibt, ihrer jeweiligen nationalen Befindlichkeit Ausdruck zu verleihen: "Fußball hilft, dass diese Doppelidentität weiter existiert, ohne dass es sonst zu Gewalt kommt."

Hymne für die Kicker
Um dennoch zumindest auf dem Gebiet des Fußballs ein Gefühl einer spanischen Einheit zu festigen, sollen die Teamkicker, die bei der EURO 2008 in Salzburg und Innsbruck spielen, bald ihre Hymne mitsingen können. Die spanische "Marcha Real" hatte bisher nämlich keinen Text. Zwar wurde Anfang des Jahres nach einem Wettbewerb ein Textvorschlag zum Sieger gekürt, doch bald wieder verworfen. Er fiel beim Großteil der Bevölkerung und den meisten politischen Parteien durch.

Der Entwurf begann mit den Worten "Viva Espana!" ("Es lebe Spanien!"). Danach hieß es: "Lasst uns alle gemeinsam singen, mit unterschiedlicher Stimme aber einem einzigen Herzen." Dies wurde als Hinweis auf die Pluralität des Landes verstanden. Auch sprach der Text von Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Frieden und Vaterlandsliebe. Letzteres wurde von einer Mehrheit als nicht zeitgemäß angesehen. Manche fühlten sich gar in die Franco-Zeiten versetzt.

Entsprechend beißend fiel der Spott aus, mit dem der Autor - ein 52-jähriger Arbeitsloser - sowie der Auftraggeber, das Nationale Olympische Komitee Spaniens, überschüttet wurden. Schließlich zog das NOK den Text zurück. Spaniens Teamkicker können daher nach wie vor nicht lautstark ihre Vaterlandsliebe kundtun. (apa/red)

CASHPOINT - Wollen wir wetten?

Click!

19.5.2008 16:17
Seite bookmarken bei: ? Hilfe
zurück zur Startseite