19.5.2008 15:05

Integration im österreichischen Teamkader:
Kuljic, Kavlak und Garics als Beispiele dafür

  • Früher waren es die Spieler Sindelar, Sesta & Smistik
  • Fußballelf genauso "multikulti" wie unsere Gesellschaft

Sindelar, Sesta, Smistik - drei Spieler des legendären "Wunderteams". Kavlak, Garics, Kuljic - drei aktuelle Cracks der ÖFB-Nationalmannschaft. Sie haben eines gemeinsam: Ihr familiären Wurzeln liegen in Tschechien, Ungarn, der Türkei oder in einem der Nachfolgestaaten Ex-Jugoslawiens. Wie das Wiener Telefonbuch ist auch das Fußball-Nationalteam ein Indikator für migratorische Entwicklungen. Ist es aber auch ein Beispiel für gelungene Integration?

Die Antwort ist selbst für Experten nicht einfach. Sie könnte so zusammengefasst werden: "Jein" oder "bedingt". So meint der Historiker Matthias Marschik von der Universität Wien: "Der Fußball ist eine Art Vorreiter, denn auf einer gewissen Basis funktioniert die Integration schon: Sicher nicht in Form einer multikulturellen Gesellschaft in dem Sinne, dass jeder willkommen ist. Sondern, dass jeder willkommen ist, der seine Leistung bringt. Da haben wir Parallelen zum österreichischen Staat, der auch sagt, wenn jemand für Österreich etwas leistet, kann er bleiben."

So gesehen sind Sport, Gesellschaft und Politik vergleichbar: "Es ist genau diese Art von Integration. Wenn ihr etwas könnt, nehmen wir euch auf. Es ist eine Disziplinierungsstrategie, mit der man Immigranten zeigt: Seid ihr brav und leistet etwas, dann habt ihr Chancen. Aber nur dann." Dennoch: "Es ist schon auch ein Zeichen für eine offenere Gesellschaft. Es ist eben kein Ausländerhass, der sagt: Egal, was ihr macht, wir wollen Euch nicht. Sondern: Wenn ihr euch anpasst, wenn ihr arbeitet, wenn ihr eure Leistung bringt, dann wollen wir euch ohnehin."

Sport ist konservativ und bürgerlich
Diese Haltung sei aber auch ein Indiz dafür, dass der Sport in seiner heutigen Ausprägung letztlich "sehr konservativ und bürgerlich" orientiert ist, meint Marschik. "Der Arbeitersport hatte alternative Konzepte, wo es weniger um Leistung und mehr um Gemeinschaft gegangen ist. Es hat 1945 bis Ende der 40er Jahre Versuche gegeben, diesen Arbeitersport wiederzubeleben. Aber es ist wohl kein Zufall, dass das nicht wiederbelebt wurde. Die Idee, die dem heutigen Sport zugrunde liegt, ist eine zutiefst bürgerliche oder postbürgerliche."

Allerdings darf die Vorbildwirkung des Sports auf eine gesellschaftliche Grundstimmung nicht unterschätzt werden, meint Pierre Lanfranchi von der Universität Leicester. Der Franzose nennt ein Beispiel aus seiner Heimat: "Der Anteil des Beitrags des Gewinns des WM-Titels durch die französischen Nationalmannschaft an der Anti-Le-Pen-Bewegung war sehr wichtig."

Der Hintergrund: Bei der WM 1998 im eigenen Land siegte Frankreich mit einer von maghrebinischen Einwanderern und dunkelhäutigen Spielern geprägten Truppe. So versetzte gerade eine Bevölkerungsgruppe die "Grande Nation" in Verzückung, gegen die der rechtsnationale Chef der "Front National", Jean-Marie Le Pen, zu Felde zog.

Fußball verbindet nicht nur in Brasilien
Auch am damaligen Finalgegner der "Tricolore" ist für Franchini das integrative Potenzial des Fußballs erkennbar: "In Brasilien gibt es soziale Ungleichheiten, keine Frage. Aber das Thema Rassismus ist nicht so groß. Darüber wird kaum gesprochen. Warum? Weil man über Fußball zeigen kann, dass man gemeinsam Erfolg haben kann. In der Nationalelf zum Beispiel. In einem Land, wo es kaum soziale Mobilität gibt, kann man es über den Fußball zu etwas bringen. Das ist doch schön."

Dennoch kann etwa in Österreich das Fußball-Nationalteam nicht direkt als Spiegel der Gesellschaft gesehen werden, so Franchini. Vielmehr handelt es sich um ein Barometer für soziale und demografische Fragen: "Fußball ist immer mehr ein Objekt der Großstadt, der Peripherie der Großstadt. Wenn man in die Hochhaussiedlungen der großen Städte schaut, dann liest man dort die selben Namen wie im Fußball-Nationalteam. Das repräsentiert aber nur einen Teil der Gesellschaft, nicht das ganze Image der Nation. Genauso wie die Nation nicht vollständig durch die Ski-Nationalmannschaft repräsentiert ist."
(apa/red)

19.5.2008 15:05
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