Starreporterin Antonia Rados in Burma:
Ein Bericht über Besuch der Zyklon-Opfer
- NEWS: Im lokalen TV sieht man saubere blaue Zelte
- Doch vor Ort ist der Zustand freilich nicht so geordnet

·Burma: Junta lässt Helfer nun einreisen
Druck von Ban Ki-moon hat jetzt Wirkung gezeigt
·BILDER: Zyklon fegte über die Küste Burmas
Wirbelsturm forderte tausende Todesopfer
Über allem liegt gespenstische Stille. Totenstille. Wir sind mit einem einfachen Boot im Irrawaddy-Flussdelta unterwegs. In jenem Sumpfgebiet im Südwesten Burmas, das der Zyklon Nargis am ersten Maiwochenende besonders verheerend heimgesucht hatte. Stundenlang fahren wir vorbei an völlig zerstörten Hütten, ausradierten Dörfern, vorbei an verwesenden Leichen, an Tierkadavern, die Reisfelder und Brunnen verseuchen.
Besonders schockierend sind die Eindrücke in der Stadt Bogale. Eine dreieinhalb Meter hohe Flutwelle hat hier alles dem Erdboden gleichgemacht - als wäre ein Tsunami darüber hinweggefegt. Überall ein einziger Trümmerhaufen aus Holz, Plastik und Wellblech in den Straßen. Und unzählige Wasserleichen. Früher lebten 180.000 Menschen hier - wie viele es jetzt noch sind, kann niemand abschätzen. Es herrscht nur noch stille Verzweiflung: Apathisch sitzen die Überlebenden vor den Trümmern ihrer ohnehin kärglichen Existenz, starren in die Luft. Andere Traumatisierte wandern ziel- und planlos umher.
Als ich die ersten Meldungen von dieser Naturkatastrophe hörte, hatte ich nur noch einen Gedanken: Ich muss unbedingt dort hinein. Schon vor mehreren Jahren war ich als Touristin einmal in Burma - oder Union Myanmar, wie es auf Geheiß der Militärjunta seit 1989 heißt. Und auch diesmal reiste ich offiziell als solche durch eines der ärmsten Länder der Welt. Ein Touristenvisum (aus der burmesischen Botschaft in Berlin) war eben die einzige Möglichkeit, um als Journalistin die Lage vor Ort zu erkunden. Dementsprechend vorsichtig muss ich agieren. Um Polizei und Militär möglichst unverdächtig zu erscheinen, trage ich Freizeitlook, wechsle in der alten Hauptstadt Rangun mehrmals das Hotel und schiebe zwischendurch immer wieder ein "Touristenprogramm" ein - besichtigte brav Pagoden und schieße nette "Erinnerungsfotos". Schwierig ist es hingegen, offen mit der Filmkamera herumzugehen und zu drehen. Und unmöglich sind Interviews mit politischem Inhalt. Zu sehr ist die Bevölkerung durch die Mischung von Armut und Militärwillkür eingeschüchtert - ganz besonders seit dem im Herbst 2007 von der Junta blutig niedergeschlagenen Aufstand der Mönche.
Keine Spur von Krisenmanagement
Wo ist das Militär? Die Realität in "Absurdistan" sieht freilich ganz anders aus. Keine Spur von Krisenmanagement. Obwohl die offizielle Opferzahl auf 78.000 Tote und 56.000 Vermisste nach oben korrigiert wurde, lässt sich das Militär - landesweit immerhin 430.000 Soldaten und 72.000 paramilitärische Kräfte - nur höchst sporadisch blicken. Einen einzigen Armeehelikopter habe ich in all den Tagen gesehen. Aber keine Bagger, kein Bergegerät, keine Hilfskolonnen, nicht einmal Krankenwagen und Ärzte sind mir begegnet. Eine völlig unfähige, marode Armee steht nur untätig herum. So wird eine Naturkatastrophe zunehmend in eine von Militärs gemachte Katastrophe verwandelt. "Wo sind denn all die Uniformierten, die im vorigen September so schnell Mönche und Zivilisten niederschlagen konnten", fragt die burmesische Dissidentenplattform "The Irrawaddy", die im benachbarten Thailand betrieben wird, völlig zu Recht.
Während immer mehr Sturmopfer an Hunger, Durst und Durchfall sowie an Haut- und Atemwegserkrankungen leiden und sogar schon erste Cholerafälle aufgetreten sind, schwelgt die militärische Bereicherungsmafia ungeniert im Reichtum: Sie fahren Land Rover mit dunklen Scheiben und kassieren das Volk ab, wo es nur geht. Etwa bei Handys. Ein Verwandter von Diktator Than Shwe verteilt SIM-Karten an höhere Militärs, die sie weiterverkaufen können. Preis pro Stück: 2.000 bis 2.500 Dollar! Zum Vergleich: Das monatliche Durchschnittsgehalt in Burma beträgt gerade 50 bis 100 Dollar.
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