Dienstag, 20. Mai 2008

Müllkrise in Neapel nimmt noch kein Ende:
Militär soll gegen Demonstranten vorgehen

  • Wütende Bürger protestieren gegen Mülldeponien
  • Ärztekammer warnt vor drohender Epidemiegefahr

Die neue italienische Regierung will das Militär zur Bewältigung der Müllkrise in Neapel einsetzen. Bei der geplanten Ministerratsitzung, die erstmals in der Geschichte der italienischen Republik in Neapel stattfinden wird, will der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi Soldaten nach Neapel entsenden, um gewalttätige Bürgerproteste vor den Mülldeponien zu vermeiden. In den vergangenen Monaten war es immer wieder zu Protesten wütender Bürger gekommen, die sich gegen die Neueröffnung von Mülldeponien wehrten, weil diese ihrer Ansicht nach die öffentliche Gesundheit gefährden.

Berlusconi will bei der Ministerratsitzung einen Plan in drei Punkten zur Bewältigung der Müllkrise vorlegen und grünes Licht für den geplanten Bau einiger Müllverbrennungsanlagen geben. Zugleich will die Regierung den Müllexport in Richtung Deutschland stoppen, um die hohen Entsorgungskosten zu reduzieren. Die Entsorgung einer Tonne Müll in Deutschland kostet den öffentlichen Kassen 250 Euro. Mehr als sechs Millionen Euro müsste Italien ausgeben, sollte der ganze Abfall, der sich auf Neapels Straßen türmt, nach Deutschland gebracht werden.

Ärzte warnen vor Epidemiegefahrt
Die italienische Ärztekammer warnte angesichts der bereits hohen Temperaturen vor einer Epidemie. Die Ärzte appellierten an die Neapolitaner, nicht die Müllhaufen in Brand zu setzen, weil der Rauch giftiges Dioxyn enthalte. "Wir sind über die Auswirkungen dieser Müllkrise auf die Bevölkerung in Neapel zutiefst besorgt", sagte der Präsident der neapolitanischen Ärzte Giuseppe Scalera. In der ganzen Stadt gebe es brennende Müllhaufen, der Unrat liege in fast jedem Viertel auf der Straße, dies sei der letzte Ausdruck der Rebellion Neapels gegen den Müll. "Wir können so nicht mehr weiterleben", sagte der Sprecher eines lokalen Komitees, der den sofortigen Rücktritt der neapolitanischen Bürgermeisterin Rosa Russo Jervolino verlangte.

Die Bürgermeisterin will aber davon nichts wissen. "Hinter den Bränden steckt die organisierte Kriminalität. Ich kann nicht glauben, dass normale Bürger für die Brände verantwortlich sind. Das Feuer wird über Nacht systematisch in der ganzen Stadt gelegt. Die einzige Erklärung ist, dass dahinter ein Plan des organisierten Verbrechens steckt, um die Stadt zu destabilisieren", meinte die Bürgermeisterin.

Müllteppich nimmt nicht ab
Die Neapolitaner sind nach wie vor mit einem flächendeckenden Müllteppich konfrontiert, dem die Fußgänger und Autofahrer nicht mehr ausweichen können. In einem Interview mit der römischen Tageszeitung "La Repubblica" meinte Kampaniens Regionalpräsident, Antonio Bassolino, die Regierung Berlusconi müsse den Müllnotstand in den Griff bekommen, sonst erleide die Region Schiffbruch.

Am Wochenende hatte die überforderte neapolitanische Feuerwehr mehr als 100 brennende Müllberge löschen müssen, die von erbosten Bürgern angesteckt worden waren. Allein in der Nacht auf Sonntag wurden 84 Einsätze registrierte. (apa/red)

20.5.2008 11:38