Dienstag, 20. Mai 2008

Staatstrauer in China für Opfer des Bebens: Milliardenvolk gedachte in Schweigeminuten

  • Über 50.000 Tote befürchtet. Millionen obdachlos
  • PLUS: 200 Helfer werden nach Erdrutschen vermisst

Zum ersten Mal in der Geschichte der Volksrepublik China gedachte das Milliardenvolk im Rahmen einer Staatstrauer der Opfer einer Katastrophe. Mit drei Schweigeminuten zeigten die Menschen ihr Mitgefühl für die vermutlich mehr als 50.000 Todesopfer, die Hunderttausenden Verletzten und Millionen Obdachlosen im Erdbebengebiet. Auf die Minute genau eine Woche nach den zerstörerischen Erdstößen im Südwesten Chinas kam das Leben im Land um 14.28 Uhr Ortszeit zum Stillstand. Im Erdbebengebiet sind seit Samstag mehr als 200 Helfer bei neuen Erdrutschen durch Regenfälle und Nachbeben verschüttet worden.

Menschen hielten inne, Autos hupten und Sirenen heulten. An mehreren Orten kam es danach zu emotionalen Demonstrationen der Solidarität mit den Opfern. Auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking riefen Tausende "China, los, vorwärts" und reckten die Fäuste in die Höhe.

Bisher wurde Staatstrauer nur nach dem Tod hoher politischer Führer angeordnet. Die Nationalfahne und andere Flaggen wehen auf halbmast. Das Staatsfernsehen zeigte das Politbüro mit Staats- und Parteichef Hu Jintao an der Spitze während der Schweigeminuten in einem Hof im Machtzentrum Zhongnanhai in Peking mit gesenkten Köpfen. Das letzte Mal war 1997 nach dem Tod des marktwirtschaftlichen Reformarchitekten Deng Xiaoping Staatstrauer angeordnet worden. Der olympische Fackellauf in China ist für drei Tage unterbrochen.

Noch immer Überlebende geborgen
Bisher wurden 34.000 Tote bestätigt, doch geht der Krisenstab von mehr als 50.000 Opfern aus. Rund 245.000 Menschen wurden verletzt, mehr als 100.000 Verletzte werden in Spitälern oder Lazaretten behandelt. Knapp 10.000 Verschüttete werden noch unter den Trümmern vermutet. Doch selbst eine Woche nach der Katastrophe werden immer noch Überlebende gefunden: Ein 80-jähriger Mann wurde aus den Trümmern seines Hauses im Bezirk Beishan geborgen. Er hatte 160 Stunden auf Hilfe gewartet.

Um der Seuchengefahr vorzubeugen, wurden Desinfektionsmittel versprüht. Rettungstrupps bemühten sich weiter, 77 Dörfer in den Bergen zu erreichen, die immer noch von der Außenwelt abgeschnitten sind. Nach Klagen in der Bevölkerung über eine langsame Reaktion auf die Katastrophe sind in der schwer zerstörten Stadt Dujiangyan drei hohe Funktionäre wegen Vernachlässigung ihrer Pflichten entlassen worden.

Welle der Hilfsbereitschaft
Das Erdbeben hat aber auch eine Welle der Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ausgelöst. Viele befüllten ihre Autos mit Nahrungsmittel und fuhren oft tausende Kilometer quer durch das Land, um die Opfer zumindest mit dem Notdürftigsten zu versorgen. Das private Engagement ist für China ein Novum - bisher kamen alle Wohlfahrtsleistungen von der Kommunistischen Partei, also der Regierung. Bis einschließlich 2004 waren private Hilfsorganisationen sogar verboten.

Nach einer Krisensitzung in Peking kündigte die Regierung an, dass alle Obdachlosen in den kommenden drei Monaten pro Tag jeweils zehn Yuan (92 europäische Cent) Unterstützung und 500 Gramm Nahrungsmittel bekommen sollen. Die Angehörigen von Erdbebentoten erhalten einmalig 5.000 Yuan (460 Euro) Unterstützung. Die Regierung hat 5,78 Milliarden Yuan (532 Millionen Euro) zur Verfügung gestellt. EU-Länder spendeten bisher rund zehn Millionen Euro.

(apa/red)

20.5.2008 07:16