Bücherverbrennung bis heute beschämend:
Viele Schriftsteller mittlerweile vergessen
- Zehntausende Bücher am 10. Mai 1933 vernichtet
- Goebbels: "Jüdischer Intellektualismus zu Ende"

·Bücherverbrennung 1933 in Deutschland
Vom NS-Terror betroffene Autoren und ihre Werke
·Bücherverbrennung: Rauchspur seit Antike
Ersatzhandlungen mit einem rituellen Charakter
Es war ein regnerischer Abend in weiten Teilen Deutschlands und dennoch schossen auf zentralen Plätzen Flammen hoch empor. Der 10. Mai 1933 ist als Tag der Bücherverbrennung in die Geschichte eingegangen. Zehntausende von Büchern wurden allein in dieser Nacht ein Raub der Flammen. Zweifelsfrei belegt sind Verbrennungen in 22 Städten. Von Anfang März bis Ende August waren es mehr als 70 Aktionen. In manchen Orten wurden sogar mehrere Male Bücherberge entzündet, etwa in Heidelberg, Braunschweig, Hamburg und München. Die ritualisierten Feiern mit Fackelzügen am 10. Mai waren der Schlussakkord der "Aktion wider den undeutschen Geist", den das Hauptamt für Presse und Propaganda der Deutschen Studentenschaft wochenlang vorbereitet hatte.
In den Feuern vernichtet wurden die Werke von Philosophen, Wissenschaftlern, Lyrikern, Romanautoren, politischen Schriftstellern und Publizisten, darunter Karl Marx, Heinrich Heine, Sigmund Freud, Thomas Mann, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque, Bertolt Brecht, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky und Alfred Kerr. Diese Namen und ihre Werke haben bis heute überlebt. Aber wer kennt noch Maria Leitner, Georg Hermann, Rudolf Geist, Heinrich Kurtzig?
75 Jahre nach den NS-Untaten stellt der Deutsche Kulturrat fest, dass die Nationalsozialisten damit "nachhaltig Erfolg" hatten. "Ja, es ist beschämend, aber es ist die Wahrheit", viele Schriftsteller, deren Werke auf den Scheiterhaufen landeten, seien in Vergessenheit geraten, sagt der Geschäftsführer Olaf Zimmermann. Zum Jahrestag soll an sie mit zahlreichen Veranstaltungen erinnert werden. Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler hält am 9. Mai in der Berliner Akademie der Künste eine Rede. Schauspieler, Schriftsteller und Schüler lesen aus den Werken der damals verfemten Autoren. Am 10. Mai laden die Humboldt-Bibliothek, das spanische Kulturinstitut Cervantes und die SPD zu Vorträgen, Diskussionsrunden, Liedern und Lesungen aus den verbrannten Werken auf dem Berliner Bebel-Platz ein.
Hochschulen an Verbrennungen beteiligt
Genau dort, auf dem damaligen Opernplatz, hatten sich am Abend des 10. Mai 1933 rund 40.000 Menschen versammelt, die bei Nieselregen in hellem Scheinwerferlicht zusahen, wie Studenten Ketten bildeten und unzählige Bücherstapel von Lastwagen ins Feuer trugen, eingeleitet von den "Feuersprüchen" mehrerer Rufer. Der erste: "Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung. Ich übergebe der Flamme die Schriften von Karl Marx und Kautsky."
Die Studentenschaft, damals schon weitgehend von Nationalsozialisten beherrscht, hatte schwarze Listen von Büchern erstellt, die sie als "zersetzendes Schrifttum" brandmarkte. Öffentliche und private Bibliotheken seien in Sammelaktionen davon zu säubern, wurde im April und Mai in Rundschreiben mitgeteilt - was auch vielerorts mit Billigung der Behörden geschah, an den Hochschulen häufig mit Unterstützung von Rektoren und Professoren.
In Berlin trat um Mitternacht Propagandaminister Joseph Goebbels ans Mikrofon und verkündete, vom Radio landesweit übertragen: "Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende. (...) Die deutsche Seele kann sich wieder äußern."
Verbrennung, Verhaftung, Verfolgung
Als letzte große Inszenierung in der Frühphase der NS-Machtübernahme folgte die Bücherverbrennung der Verhaftungswelle gegen Kommunisten nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar und dem Judenboykott vom 1. April. Wie sich zeigte, war sie mehr als nur ein symbolischer Akt, sondern der Auftakt zu einer flächendeckenden bürokratischen Zensur und Indizierung der Nazis.
Schon einige Tage später erschien im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel eine Auflistung mit 131 Autoren, deren Werke aus den Bibliotheken und Buchhandlungen entfernt werden mussten. Von den Zeitgenossen unter ihnen waren zu diesem Zeitpunkt schon viele ins Ausland geflohen.
Rettung der verbrannten Bücher
"stern"-Reporter Jürgen Serke ("Die verbrannten Dichter") hatte 1977 den Anfang gemacht, indem er sich auf die Suche nach verschollenen Schriftstellern begab. Der Kern seiner Sammlung von Erstausgaben, Manuskripten, Briefen und Fotos ist nun im Solinger Museum Baden zu sehen. Eine andere große Privatsammlung, die "Bibliothek der verbrannten Bücher" von Georg Salzmann, wird möglicherweise bald Teil der Augsburger Universitätsbibliothek. Die Hochschule hat Interesse am Kauf der rund 10.000 Bände bekundet, die überwiegend aus Erstausgaben der 1933 verbotenen Werke besteht. (apa/red)
