EU-Entscheidung in Sachen Klimaschutz hat Folgen: Rückgang der Stahlproduktion droht
- FORMAT: Möglicher Voest-Rückzug mit Konsequenzen
- Das neue Stahlwerk wird am Schwarzen Meer gebaut

·Rohstahlproduktion bei Voest sinkt weiter
FORMAT: Könnte auf unter 4 Millionen fallen
Die Zeit drängt. voestalpine-Chef Wolfgang Eder braucht die Entscheidung der EU über die künftigen Regelungen bei der Zuteilung der CO2-Zertifikate für den Klimaschutz noch heuer. Sonst kann das neue Stahlwerk nicht in der EU gebaut werden, sondern wird außerhalb errichtet. Und Ersatzinvestitionen in Österreich werden zurückgestellt. Was dies bedeutet und was die verbliebenen Aktionäre von Böhler-Uddeholm erwartet, erzählte er FORMAT in einem seiner seltenen Interviews.
FORMAT: Die Nachfrage steigt vor allem in den großen Schwellenländern. Für Europa lautet die Prognose für das nächste Jahr nur auf einen Zuwachs von 1,6 Prozent. Für Deutschland erwartet die Wirtschaftsvereinigung Stahl heuer sogar nur eine Stagnation.
Wolfgang Eder: Da muss man differenzieren. Wir produzieren qualitativ hochwertigen Stahl. Dieser macht in Europa rund 15 Prozent der Produktion aus und unterliegt keinem Importdruck. Außerdem gibt es in der gesamten Branche nicht mehr 27 Flachstahlerzeuger, wie 1994 in den EU-15, sondern wir sind in den EU-27 nur mehr sieben größere. Durch diese Konsolidierung und durch Privatisierungen wurden auch die Mengen deutlich reduziert. Wir haben tendenziell eine knappe Versorgungssituation, daher investieren wir auch in ein neues Werk.
FORMAT: ... das aber nicht in Österreich gebaut werden wird, sondern irgendwo am Schwarzen Meer.
Eder: Ja, in Linz platzen wir aus allen Nähten. Da haben wir einfach nicht mehr genug Fläche. Daher gehen wir dorthin, wo die Rohstoffe und die meisten neuen Abnehmer sind. Im gesamten Schwarzmeer-Raum werden derzeit etwa 23 Millionen Tonnen Stahl gebraucht, 2015 werden es über 50 Millionen sein. Wir sind in Mittel- und Südosteuropa schon jetzt Marktführer. Das wollen wir ausbauen. Auch die starke Nachfrage unserer langjährigen Kunden rund um Österreich können wir auf lange Sicht nicht negieren.
FORMAT: Sie prüfen Standorte in Rumänien, Bulgarien, der Ukraine und der Türkei. Wie weit sind Sie in der detaillierten Standortentscheidung?
Eder: Wir werden spätestens Anfang Juli wissen, welche zwei oder drei Standorte die heißen Favoriten sind, und bis zum Herbst, wo wir schließlich bauen werden. Wenn wir allerdings aus Brüssel nicht bald klare Signale über das künftige CO2-Regime bekommen, könnte sich das verzögern.
FORMAT: Nach dem aktuellsten Stand wird über das CO2-Regime erst 2011 endgültig entschieden werden.
Eder: Ja, die kommunizierte Meinung in Brüssel ist, dass man noch länger warten kann. Wir können das aber nicht und würden in diesem Fall einen Standort außerhalb der EU wählen müssen. Eine späte Entscheidung hieße auch, dass eine Reihe von Branchen aus Europa abwandert. Und in zehn Jahren würde hier kaum mehr Stahl produziert werden. Schon jetzt baut Thyssen in Brasilien, und Corus, die frühere British Steel, orientiert sich mit ihrem neuen Eigentümer Tata Steel mehr nach Indien. Andere wiederum gehen stärker nach Russland. Wenn eine voestalpine Linz oder Österreich verlässt, hätte das für die Volkswirtschaft erhebliche Konsequenzen.
FORMAT: Das wird ja nicht nur durch die Klimaschutz-Entscheidung der EU beeinflusst werden.
Eder: Aber zum größten Teil. Wir brauchen die Sicherheit, dass die CO2-Zertifikate für die Stahlindustrie ab 2013 nach einem einheitlichen sektoralen System vergeben werden. Wenn wir hier nicht mehr konkurrenzfähig erzeugen können, gehen nicht nur 20.000 Arbeitsplätze und inklusive der Sekundär- und Tertiärbereiche sowie der Familienmitglieder die Einkommen von 180.000 Menschen verloren, der Staat hat auch weniger Steuereinnahmen. Wir haben für 2007 an Steuern, Abgaben und Sozialversicherungsbeiträgen 750 Millionen gezahlt. An Zulieferer für den Ausbau, an Banken, Notare etc. gehen jedes Jahr 850 Millionen Euro. Die Mitarbeiter beziehen eine Milliarde an Löhnen und Gehältern. Die Anleger hingegen bekommen mit etwa 320 Millionen Dividende nur einen Bruchteil dieser Beträge, um die ständig diskutierten Relationen einmal zurechtzurücken.
FORMAT: Bis wann muss das neue Werk denn fertig sein?
Eder: Im Jahr 2013.
FORMAT: Dann müssen Sie ja 2011 zu bauen beginnen.
Eder: Ja. Und wir brauchen auch Zeit für die Feinplanungen und Genehmigungen. Es ist ja bis zum Hafen und zum Holzwerk alles neu zu planen. Dafür brauchen wir zwei Jahre. Wenn wir also heuer im Herbst die Entscheidung treffen, dann werden wir Ende 2010 mit den Behördenverfahren und Planungen fertig sein. Und können 2011 zu bauen beginnen.
FORMAT: Wird es zwischen dem neuen Standort und dem in Linz Kooperationen geben?
Eder: Ja. Die beiden Werke muss man als Zwillinge sehen. Die produzierten Produkte werden ähnlich sein.
Mehr Informationen sowie das komplette Interview lesen Sie im aktuellen FORMAT 19/2008.
(apa/red)
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