Freitag, 9. Mai 2008

Libanon steuert auf neuen Bürgerkrieg zu: Hisbollah nimmt weite Teile von Beirut ein

  • Kämpfe nach Rede des Hisbollah-Generalsekretärs
  • Saudi-Arabien und Jordanien fordern Sondersitzung

Der Libanon steuert möglicherweise auf einen neuen blutigen Bürgerkrieg zu. Kämpfer der pro-iranischen Miliz Hisbollah und der schiitischen Amal-Bewegung brachten mehrere Viertel im Zentrum Beiruts unter ihre Kontrolle. In der Hauptstadt wurden nach Angaben von Krankenhausärzten mindestens 13 Menschen getötet. Zwei weitere Menschen kamen in der Stadt Chaldeh südlich von Beirut ums Leben. Insgesamt mehr als 60 Menschen wurden verletzt.

Augenzeugen hörten in der Innenstadt von Beirut den ganzen Tag immer wieder Maschinengewehrsalven und den Knall explodierender Granaten. Die Armee, die einige Gebäude schützte, ließ zu, dass Schiiten auch in den vorwiegend von Sunniten bewohnten Stadtteilen Stellung bezogen. Die Kämpfe hatten begonnen, nachdem Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah erklärt hatte, die Regierungsmehrheit habe der Opposition "den Krieg erklärt".

Die Innenstadt von Beirut war mehr oder weniger ausgestorben, nachdem viele Familien aus ihren Häusern in sicherere Gebiete im christlichen Osten der Stadt geflohen waren. Maskierte Schützen standen auf vielen Dächern. "Wir haben die Nacht im Badezimmer verbracht, weil es dort am sichersten war, es war die Hölle", sagte Salwa Hitti, die mit ihrer Familie im Zentrum wohnt.

Zuvor hatten Hisbollah-Kämpfer das Büro der Zeitung "Al- Mustaqbal" (Die Zukunft) mit Maschinengewehren und Granaten beschossen. Die Zeitung gehört zum Medienkonzern der sunnitischen Hariri-Familie, die mit dem pro-westlichen Regierungschef Fuad Siniora verbündet ist. Sie zogen nach Angaben der Journalisten erst ab, als Soldaten eintrafen. Der 2005 ermordete Milliardär und Ex-Ministerpräsident Rafik Hariri war der "Vater des Wiederaufbaus von Beirut" nach dem Ende des Bürgerkrieges (1975-1990) gewesen.

Mäßigung von allen Seiten gefordert
Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte nach einem Telefonat mit Siniora: "Ich fordere alle Parteien dringend auf, ihre bewaffneten Anhänger zurückzuziehen, die Waffen niederzulegen und das Gewaltmonopol des libanesischen Staates anzuerkennen." Er sei zutiefst besorgt über die Eskalation der Gewalt im Libanon. Die EU rief die Konfliktparteien auf, die Kämpfe sofort zu beenden. Der Weltsicherheitsrat hatte zuvor an alle appelliert, Ruhe und Zurückhaltung zu bewahren. Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas rief die rund 400.000 Einwohner der palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon auf, sich aus dem Konflikt herauszuhalten.

Saudi-Arabien und Jordanien, die beide die Siniora-Regierung unterstützen, forderten die Einberufung einer Sondersitzung der Arabischen Liga in Kairo. Nach Informationen arabischer Diplomaten soll das Herrscherhaus von Saudi-Arabien schon in den vergangenen Tagen geheime Gespräche mit dem Iran geführt haben. Teheran habe den Saudis angeboten, sich für eine Beendigung der Krise zwischen dem pro-westlichen Lager und der von der Hisbollah geführten Opposition einzusetzen. Im Gegenzug solle Saudi-Arabien seinen strategischen Partner USA davon überzeugen, den Iran wegen seines Atomprogramms nicht mehr so stark unter Druck zu setzen. (apa/red)

9.5.2008 21:15