Samstag, 10. Mai 2008

NEWS: "Mein Körper war meine Waffe" - Mutter aus Palästina bat um Märtyrertod

  • Ex-Terroristin nach sechs Jahren Haft entlassen
  • 30-Jährige bereut "zutiefst" und kämpft für Frieden

Eine Friseurin will sterben - für Palästina. An ihre kleine Tochter denkt sie nicht, auch nicht an die Opfer. Shifa al-Qudsi war 24 Jahre alt, als sie sich bei der Al-Aqsa-Märtyrerbewegung meldete und ihren Körper als Waffe anbot. Doch bevor sie ihren Bombengürtel zünden konnte, wurde sie verhaftet und musste für sechs Jahre ins Gefängnis. Vor wenigen Wochen kam sie nun frei - geläutert, gebildet, aber immer noch kämpferisch. Im NEWS-Interview spricht sie über ihre Zeit als Terroristin und ihren nunmehrigen Kampf für den Frieden.

NEWS: Sie wollten für den Kampf gegen die Besatzung Israels ihr Leben und das von Unschuldigen opfern. Wäre Ihr Tod und der von anderen nicht genauso sinnlos gewesen wie der aller Selbstmordattentäter und ihrer Opfer?
Shifa al-Qudsi: Ich bereue zutiefst, was ich vorhatte, nicht aber die Idees des Kampfes. Ich weiß heute, dass Worte reichen müssen - und ausreichen können, um für Gerechtigkeit kämpfen. Erst war mein Körper meine Waffe, nun ist es meine Stimme, die ich einsetze: für die Freiheit der Palästinenser und auch für jene der Israelis, die von diesem jahrzehntelangen Kleinkrieg genauso zerrüttet sind wie wir. Ich möchte in Kontakt mit israelische Friedensgruppen treten und mit ihnen neue Wege erarbeiten. Auch für das Verständnis des Hasses.

NEWS: Den Hass mag man verstehen, aber wie kann man verstehen, dass man sich deswegen in eine lebende Bombe verwandelt?
Shifa al-Qudsi: Es war ein langer Prozess. Im Jahr 2000, nur wenige Tage vor dem Ausbruch der zweiten Intifada, war ich mit meinen Kolleginnen vom Frisiersalon auf Betriebsausflug in Israel. Es war meine erste Reise dorthin, eine Tour zu all den ehemaligen palästinensischen Städten und Dörfern, die seit sechzig Jahren ein Teil Israels sind. Damals sah ich wunderbare Plätze, wie auch die Strandpromenade von Netanya. Die Stadt liegt nur wenige Kilometer und doch Welten von meiner Heimatstadt Tulkarem und meinem Leben entfernt. Das Leben in Israel sah großartig aus. Wie im Film. Und das alles hatte einmal uns Palästinensern gehört! Mit der Intifada verschärften sich dann unsere Lebensbedingungen immer mehr. Arbeitslosigkeit grassierte, die Kämpfe eskalierten. Ich erlebte Israelis als brutale Unterdrücker. Ich fühlte mich - so wie alle anderen hier - wie eine Gefangene. Die Gebiete waren gesperrt wie die Straßen zwischen den Städten auch. Woanders kann man gehen, wenn man es nicht mehr aushält. Als Palästinenser sitzt man fest, während die Israelis am Strand feiern.

NEWS: Sie sollten sich als Schwangere verkleidet auf der Promenade in Netanya in die Luft sprengen. An dem Ort, den Sie so bewunderten. Dachten Sie an die Unschuldigen, die mit Ihnen sterben würden?
Shifa al-Qudsi: Nein, an diese Menschen dachte ich nicht. Ich agierte nicht wie ein menschliches Wesen, ich bestand nur noch aus dem Gefühl von Rache, dachte nur daran, dass die Welt vielleicht begreifen würde, was mit uns geschieht, wenn eine junge 24-jährige Mutter wie ich einen Anschlag verübt. Ich dachte auch nicht an mein Leben. Das alles legte ich in Gottes Hand. Er würde entscheiden, was aus mir wird: eine Märtyrerin oder eine Gefangene Israels.

NEWS: Und ihre damals siebenjährige Tochter, Diana, die Sie nach der Trennung von ihrem Vater alleine erzogen: War Ihnen Ihr einziges Kind egal?
Shifa al-Qudsi: Ich erklärte ihr damals, dass ich als Märtyrerin in Gottes Paradies gehen würde. Sie weinte sehr und fragte mich, was wohl aus ihr würde. Später, während ich im Gefängnis war, realisierte ich erst, wie sehr dem Kind die Mutter tatsächlich fehlt. Und sie mir. Ich liebe sie so sehr, und es erfüllt mich mit unendlich viel Glück, dass ich sie jetzt wieder um mich habe. Damals erklärte ich ihr, ich hätte eine höhere Mission. Heute denke ich mir, dass die Erziehung von Jugendlichen wahrscheinlich die wichtigste Mission ist. Doch damals war ich wie gefangen in meinem Denken, in meinen Rachefantasien.

NEWS: Wie wurden Sie entdeckt?
Shifa al-Qudsi: Es war nur kurz vor meinem Einsatz. Mitten in der Nacht stürmte die israelische Armee unser Haus. Ich wurde festgenommen und wochenlang verhört. Da man keinen Bombengürtel bei mir fand, war eine relativ milde Strafe für mich möglich.

NEWS: Was hat Ihre Einstellung so sehr verändert?
Shifa al-Qudsi: Ich las viel. Auch Texte von Ghandi. Dazu konnte ich meine Matura nachmachen, begann Soziologie zu studieren. Nach und nach wurde mir klar, dass wir alle unseren Zugang zu dem Konflikt ändern müssen. Ich mache bald meinen Studienabschluss und werde dann im palästinensischen Ministerium für Inhaftierte zu arbeiten beginnen. Sie brauchen meine Unterstützung.

Lesen Sie das ganze Interview in NEWS 19/2008!

10.5.2008 19:09