Donnerstag, 5. März 2009

Österreichs Image als "Land der Verliese": Was läuft im idyllischen Bergland schief?

  • Kein langfristiger Schaden am Ansehen im Ausland
  • Experten: Inzest-Fall wird unser "Thema des Jahres"

Was stimmt in Österreich nicht? Was läuft in dem kleinen idyllischen Bergland schief? - Der einzigartige Inzest-Fall in Amstetten füllt die Titelseiten rund um den Globus und rückt die Alpenrepublik in ein zweifelhaftes Licht. "Natürlich tut es dem Image Österreichs nicht sehr gut", sagte Karin Cwrtila vom Österreichischen Institut für Marketing (OGM). "Es schreiben ja alle: Österreich - das 'Land der Verliese'."

Langfristig wird sich die Berichterstattung jedoch nicht auf Österreichs Ruf im Ausland auswirken, sind sich Cwrtila und OGM-Chef Wolfgang Bachmayer sicher: Das romantische Bild mit Dirndl-Kleid und Kaiserin Sisi werde am Ende überwiegen. "Das internationale Image Österreichs wird dadurch sicher keinen Schaden nehmen", betonte Bachmayer. Tradition und Gemütlichkeit - diese Vorstellungen über die Alpenrepublik seien sehr gut gefestigt.

"Laxe Behördenkontrolle"
Hinzu komme möglicherweise allerdings der Image-Aspekt der Schlampigkeit, sprich "laxe Behördenkontrolle", da der Inzest-Fall so lange unentdeckt geblieben sei, betonte Bachmayer. Grundsätzlich werde die Boulevard-Berichterstattungswelle kurz Fragezeichen aufwerfen, aber bald abebben. Mittel- bzw. langfristig werde Österreich als "Land der Musik" und nicht als "Land der Gewalt" da stehen.

Eine Rolle spiele auch die Größe des Landes. "Von Amerika ist man es ja schon irgendwie gewohnt", meinte Cwrtila zur Berichterstattung über schreckliche Kriminalfälle. Österreich gelte eher als kleines Bergland und "Insel der Seligen" mit einem "Happy-Peppi"-Image. Das Erstaunen, dass so etwas trotz dieses Rufes oder gerade deshalb passieren könne, sei sicher mit ein Grund für den Aufruhr.

Imagewandel
Nach dem Wiederauftauchen von Natascha Kampusch habe jeder gedacht "schlimmer geht es nicht", nun sei es doch so gekommen, so die Marketing-Expertin. Die zeitliche Nähe der beiden Fälle und ihre Einzigartigkeit seien der Grund, warum es derzeit überhaupt zu einem "Imagewandel" komme. Seriöse Medien würden damit allerdings ganz anders umgehen als Sensationsblätter, am Ende werde daher der Aspekt "Es könnte überall passieren und ist ein Zufall" übrig bleiben.

Da es ein Einzelfall und kein Dauerereignis sei, könnte es durchaus als Ausnahmebeispiel lange im Gedächtnis der Menschen sein: "Es hat so einen sprichwörtlichen Exempel-Charakter, wie Jack the Ripper in London", erklärte der OGM-Chef. Dieser habe das Image von Großbritannien allerdings ebenfalls nicht beeinträchtigt.

Kein Dauerereignis
Dies zeige auch das Beispiel Belgien, dass nach dem Fall des Kinderschänders Dutroux nicht als das gesellschaftlich verwahrloste Land gelte, in dem Sitte und Moral nicht mehr existieren würden, so Bachmayer. Den Unterschied zwischen Einzelfall und Dauerereignis zeige besonders deutlich die Mafia, die Italiens Image durchaus geprägt habe.

Von Bedeutung sei auch die Reaktion in Österreich und das Ziehen der richtigen Konsequenzen aus diesem unfassbaren Fall, betonte Bachmayer. Die Aussage "man sei geschockt, aber habe es nicht wissen können", werde nicht ausreichen. "Man kann nur hoffen, dass innenpolitisch die richtigen Schlüsse gezogen werden", meinte der Marketing-Experte. "Ohne Frage ist das gesamte Ereignis ein Hinweis, dass bestimmte Systeme nicht funktionieren, versagt haben." Eine Schlussfolgerung sei dennoch schwierig: "Die Behörde kann nicht überall ihre Augen haben und in jedes Schlafzimmer sehen", so Bachmayer. "Es ist eine Frage der funktionierenden Gesellschaft."

"Wie kinderfreundlich sind wir?"
Kritisch äußerte sich auch Cwrtila: "Was wir uns vielleicht schon fragen müssen, ist, wie kinderfreundlich wir eigentlich sind." Vielleicht wäre in einem anderen Land irgendwo jemand früher aufmerksam geworden, wenn es um Minderjährige gehe, meinte sie. Ob im aktuellen Fall der generelle Umgang mit Kindern in Österreich mitspiele, sei allerdings schwer zu sagen.
(apa/red)

5.3.2009 12:31